Von Ludwig Marcuse

Unter den vielen Verwandtschaften gibt es eine, die man am besten „Künstlerkinder“ nennt. Sie lagen in einer Wiege, die in der Wohnung irgendeines Dichterfürsten stand, und tummelten sich dann ein Leben lang als Prinzen und Prinzeßchen herum – wenigstens so lange, wie der väterliche Name ein Sesam-öffne-Dich war.

Die Mann-Kinder (im zweiten Jahrzehnt: Erika und Klaus) waren Erben, muntere Sprößlinge mit poetisch-wirksamem Familiennamen. Erst machten sie Bayrisch-München unsicher, dann Deutschland und dann die ganze Welt. Über das, was sie mit der Welt angestellt hatten, veröffentlichten sie, in schöner Komplizenschaft, das Bändchen „Rundherum“ – im Jahre des Heils 1929; wenn man das Unheil ab 1930 datiert, als hundertundsieben Nationalsozialisten in den Reichstag einrückten. Brecht sagte, als noch Frieden war: „Die ganze Welt kennt Klaus Mann, den Sohn von Thomas; wer übrigens ist Thomas Mann?“ Dem Kindergespann wurden fettere Überschriften gewidmet als dem Papa Dichter.

Es war erst Weimarer Halbzeit, als die Zweiundzwanzigjährige und das um ein Jahr jüngere Brüderchen unter der neugegründeten Firma „Die literarischen Mann-Kinder“ auf Welt-Tournee gingen: So lustig, so hübsch, so keck, so gewitzt, so aufgelegt zu tausend Streichen, wie man die beiden heute auf dem Deckel des Nachdrucks sehen kann, auf dem zwei blühende Rangen prangen. „Literarisch“ waren sie bestimmt schon mit zehn; denn wahrscheinlich lernten sie das Abc an den „Buddenbrooks“ und des Onkels „Schlaraffenland“.

Liest man jetzt im Klappentext: New York, Greta Garbo, Kyoto, Roter Platz, so könnte ein Neuling denkender habe es mit zwei Reiseschriftstellern zu tun. Damals sah man eher einen männlichen und einen weiblichen Lausbuben mit poetisch duftendem Familiennamen, die aus den Kontinenten ein Anhängsel ihres heimischen Herzogparks machten. Inzwischen waren sie schon nach Berlin gewandert und schossen, berlin-schneidig, von Wellington (USA) auf „unsere anglomanischen Romantiker“, „allen voran der Bert Brecht aus Augsburg“. Lustige Schnurren und Husarenritte gegen Zwanziger in den zwanzigern vermischten sich in diesem ungenierten Bericht.

Die Zeitgenossen (ich gehörte leider zu ihnen) hatten keine Ahnung, daß Klaus, als er in der Rubrik „Gesellschaftliches, Abteilung Künstlerkinder“ beredet wurde, mit zwanzig bereits die „Kindernovelle“ veröffentlicht hatte: stilistisch unheimlich sicher, in der Beschreibung von bewundernswerter Dichte – eine Rarität in der Literatur von Zwanzigjährigen. Bald nach der übermütigen Weltreise erschien sein Buch „Alexander“, von dem Cocteau sagte: „Der dies Buch schrieb, ist einer meiner Landsleute, will sagen: ein junger Mann, der auf dieser Erde schlecht behaust ist und der geradewegs die Sprache des Herzens spricht.“

Kurz vor Toresschluß kam sein erstes Selbstporträt heraus; das letzte, der „Wendepunkt“, wurde der Höhepunkt dieser Darstellungen. In dem schönen Werk von 1932 gibt es ein Erika-Bildnis, das gültig ist bis zu diesem Tag: vor allem auch der Hinweis auf die Stirn, die sich „manchmal trotzig verfinstert“.