Wir brauchen sie, aber bitte nicht an erster, sondern immer an zweiter Stelle

Von Gerd Rinck

Welcher Platz, welcher Rang gebührt dem Intellektuellen in der Gesellschaft? Auch wer den Thesen und Folgerungen des Verfassers nicht zustimmen kann, wird hier Ansatzpunkte für eine Diskussion finden. Prof. Dr. Gerd Rinck lehrt an der Universität Göttingen Bürgerliches und Wirtschaftsrecht.

Niemand möchte ein Intellektueller sein. Allenfalls ein Literat, ein Journalist oder der Herausgeber eines Nachrichtenmagazins könnte sich mit dieser Bezeichnung abfinden. Die Etikettierung als „Intellektueller“ gilt als unfreundlicher Akt, beinahe ein Schimpfwort. Warum?

Der Intellektuelle braucht seinen Verstand ohne Einschränkung, ohne Kompromisse. Fiat justitia, pereat mundus, auf deutsch: Ich mache Politik, und wenn die Bundesrepublik zu Grunde geht. Oder: Ich mache Literatur, und wenn den Lesern schlecht wird. Das Wesentliche am Intellektuellen scheint mir zu sein, daß er denkt und konsequent ist ohne Rücksicht auf das Herkömmliche und ohne Kompromisse. Der Intellektuelle ist ein Verstandesmensch. Er ist intelligent und ist vor allem analytisch begabt. Er gibt dem Verstand und der Logik den Vorrang. Intellekt ist Intelligenz ohne Klugheit.

Die Philosophie bestätigt dieses Bild. Intelektualismus ist eine Lehre, wonach Wissen und Erkenntnis aus der Vernunft zu gewinnen sind und weit weniger aus der Erfahrung oder der sinnlichen Wahrnehmung (Descartes). Die intellektuelle Bildung ist also ein Gegenpol zur moralischen und ästhetischen Bildung. So die Lexika. Unsere Intellektuellen machen von dieser Einseitigkeit kräftig Gebrauch.

Wer nun wirklich ein Intellektueller ist – darüber werden die Meinungen auseinandergehen. Der unentbehrliche Mann auf der Straße, der nur eine einfache Schulbildung besitzt, wird jeden Studierten als Intellektuellen ansehen. Wer, wie ich, studiert hat, macht Unterscheidungen: Der Arzt, der Rechtsanwalt sind nicht Intellektuelle. Sie müssen sich auf die Realitäten einstellen, mit ihrer Umwelt auskommen. Ihre Tätigkeit ist geistige Arbeit, aber nicht zweckfrei, sie dürfen gar nicht rücksichtslos und intellektuell sein. Man kann die Berufe unserer Industriegesellschaft grob wie folgt sortieren: