Von Ludwig Marcuse

Literatur und literarisches Leben sind zweierlei, obwohl es das eine ohne das andere nicht gibt. Literatur ist ein Haufen von kleineren und größeren Werken. Das literarische Leben hat es außerdem noch mit Autoren zu tun, mit Verlegern, Buchhändlern, Redakteuren, Kritikern; am wenigsten sichtbar ist der Leser – außer in Verkaufslisten, die schon deshalb problematisch sind, weil er nicht im Kaufen, nicht einmal im Lesen, sondern erst in der uns völlig unbekannten Haltung zum Buch sein Votum abgibt. Deshalb gibt es auch keine Geschichte derer, die gelesen haben.

Das literarische Leben ist heute nur schwach. Es strömt zum guten Teil unterirdisch dahin – wenn auch nicht so gemächlich, wie es an der Oberfläche aussieht. In der Politik wird auch der persönliche Konflikt ausgiebig ausgetragen; aber auch hier versucht man (ohne Glück), Männer als Sachfragen auszugeben. Im Literarischen würden ähnliche Fehden in den Klatschspalten untergebracht werden, wenn es sie (die Fehden und die Spalten) in nennenswerter Zahl gäbe. Das „Private“ (wie man es nennt) wird offiziell verachtet.

Das war nicht immer so. Die literarische Polemik, Ausdruck eines Konflikts, der immer mehr war als ein Duell zwischen Ideen, ist unfein geworden – obwohl Deutschland zwischen Luther und Karl Kraus großartige Polemiker hatte: die Weimarer Xenien-Streiter, Schopenhauer und Heine und Marx und Dühring ...

Polemik ist nicht identisch mit Kritik und zielt stets auf einen Gegner, der Nase und Ohren und einen Eigennamen hat. In den illustren Fällen (etwa: Nietzsche gegen Wagner) ist der Feind auch das inkarnierte Antiideal. Man hat die Funktion der Vorbilder, aber nicht der Gegenbilder erforscht.

Dem Streiter Karlheinz Deschner, der in seinem Pasquill „Talente Dichter Dilettanten“ nach alter deutscher Sitte zu polemisieren suchte, gelang es auch deshalb nicht, weil es in nichtpolemischer Zeit geschah; man ist an solche Turniere nicht mehr gewöhnt. Er ist aus dem rechten Holz, weiß, was er will, hat keine Bange.

Aber kann er auch verwirklichen, was er will? Er wollte viel mehr, als ein paar Bücher von ein paar gefeierten Schriftstellern verreißen. Er wollte in ihnen die Mächte treffen, die sie aufgepäppelt hatten. Er traf nicht. Ein polemisches Temperament hat in unpolemischer Zeit nicht recht gelernt, mit der Feder zu fechten.