Spätestens zu dem Zeitpunkt, als Bundesbank-Vizepräsident Dr. Troeger seine "Begrüßungsansprache" auf der Jahrestagung des Bundesverbandes des privaten Bankgewerbes beendet hatte, mußte auch dem letzten Bankier klargeworden sein, wohin in der Bundesrepublik die konjunkturelle Reise gehen wird, falls Arbeitgeber, Gewerkschaften und die öffentlichen Hände nicht nochin letzter Minute zur Selbstbesinnung kommen. Die Bundesbank sieht vor allem in dem überbeanspruchten Arbeitsmirkt das Grundübel für die Preisentwicklung in der Bundesrepublik und ist offensichtlich gewillt, den Restriktionskurs so lange beizubehalten, bis sich hier ein Wandel ergeben hat. Die Wirtschaft soll über die Kapitalnot gezwungen werden, ihre Investitionen einzuschränken, der öffentlichen Hand wird erschwert,Etatfehlbeträge über den Kapitalmarkt zu decken. In Kreisen der Bundesbank scheint man sich durchaus bewußt zu sein, daß die Konjunkturdämpfung mit Notenbankmaßnahmen kein ideales Steuerungsmittel ist.

Sofort nach der Tagung des privaten Bankgewerbes in Baden-Baden setzte auf dem Aktienmarkt eine neue Kursschwäche ein. Der Eindruck, den die Bankiers aus Baden-Baden mitnahmen, schlug sich spürbar in den Kursen nieder. Das Kreditgewerbe, ohne Hoffnung auf eine baldige Restriktionslockerung, begann, sich über den Aktienverkauf Liquidität zu beschaffen. Die Kundschaft folgte, so daß sich die Kurse allmählich nach unten in Bewegung setzten. Die Einbußen wurden zunächst noch durch einige im Markt liegende, nach unten gestaffelte Kaufaufträge gemildert. Als diese Barriere jedoch übersprungen war, beschleunigte sich das Baisse-Tempo. Offensichtlich ist die bisherige Widerstandslinie an einigen wichtigen Stellen durchstoßen worden.

Der Rentenmarkt vermittelte dagegen ein stabileres Bild, was insofern überrascht, als vermutet wurde, auch hier könnten sich Banken die dringend erforderliche Liquidität besorgen. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Die Besitzer bereitgestellt werden konnten. Ja selbst große deutschen Kreditbanken, Sparkassen sowie die Versicherungen, stehen liquiditätsmäßig immer noch recht gut da. Besonders die Sparkassen und Versicherungen haben keinerlei Interesse daran, daß die Rentenkurse vor dem Bilanzstichtag, 31. Dezember 1965, noch weiter sinken. Das erhöht den Abschreibungsbedarf, der zu Lasten der Gewinne geht. Bei einigen Sparkassen sollen die Rentenabschreibungen bereits jetzt so hoch sein, daß sie um einen ausgeglichenen Jahresabschluß fürchten müssen. Nur so sind die Bemühungen zu verstehen, einen Teil der festverzinslichen Wertpapiere als "Anlagevermögen" deklarieren zu dürfen. Beim Anlagevermögen wird nicht nach dem Niederstwertprinzip verfahren, infolgedessen würde man die Renten nicht auf den heutigen Tiefstand abschreiben müssen und so der Gefahr der roten Bilanzzahlen entgehen.

Es läßt sich darüber streiten, ob festverzinsliche Wertpapiere bei Sparkassen und Versicherungen Anlage- oder Umlaufsvermögen darstellen. Eines müßte aber auf alle Fälle sichergestellt werden: Wenn Rentenwerte zum Anlagevermögen "gemacht" werden, sollte aus der Bilanz klar ersichtlich sein, um welche Wertpapiere es sich handelt, damit der Außenstehende deutlich erkennen kann, wo keine Abschreibungen vorgenommen zu werden brauchten und wo sie vorgenommen wurden. Alles andere wäre eine üble Bilanzverschleierung.

Daß die Versicherungsbilanzen durch Abschreibungen auf die Effektenportefeuilles im laufenden Geschäftsjahr belastet werden, liegt auf der Hand. Die Börse trägt dem bereits durch entsprechende Kursreduzierungen bei den Versicherungsaktien Rechnung. Ob es allerdings gerechtfertigt ist, mit dem gleichen Grund die Kursschwache der Bankaktien erklären zu wollen, erscheint mehr als zweifelhaft. Trotz der schwierigen Lage auf dem Kapitalmarkt haben die Banken 1965 gut verdient.

Bei der Dresdner Bank scheint man sich eine Kapitalerhöhung zu überlegen, unabhängig von der Lage auf dem Kapitalmarkt. Die jungen Aktien dürften den Aktionären zu 100 Prozent angeboten werden. Bei den Hypothekenbank-Aktien, die in den letzten Wochen schwach lagen, ist in der Abwärtsbewegung ein gewisser Stillstand eingetreten. Bei ihrer Beurteilung darf man nicht vergessen, daß die Realkreditinstitute gegenwärtig zwar mit erheblichen Refinanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen haben, aber die in früheren Jahren abgeschlossenen Geschäfte es erlauben, auf der Stelle zu treten, ohne daß sich dies in den Dividenden bemerkbar machen muß.

Die Furcht vor einer zu weitgehenden Deflationspolitik schlug sich besonders in den konjunkturempfindlichen Branchen nieder. Schwach lagen nicht nur die Aktien der Bauunternehmen und der Maschinenbauindustrie, sondern vor allem die Automobilaktien. VW- und Daimler-Aktien erreichten in diesen Tagen einen neuen Jahrestiefstand. Zu den wenigen stabilen Papieren zählten die Veba-Aktien, die auf 210 Prozent gestützt wurden, obwohl die Verkäufe aus Kreisen der Zeichner unvermindert anhalten.

Kurt Wendt