Von Peter Grubbe

Erich Müller-Gangloff: Mit der Teilung leben; List Verlag, München, List Taschenbücher Nr. 299; 288 Seiten, 2,80 DM.

Die innerdeutsche wie die internationale Diskussion über die deutsche Frage befindet sich seit geraumer Zeit in einer Sackgasse. Von deutscher Seite werden in Form von Bekenntnissen und Proklamationen in immer kürzeren Abständen ständig die gleichen Thesen und Forderungen zur Wiedervereinigung wiederholt, ohne daß man ihrer Verwirklichung auch nur einen Schritt nähergekommen wäre. Im Gegenteil, die politische Entwicklung, wie sie sich etwa in der Entscheidung des Olympischen Komitees über die zukünftige Teilnahme zweier deutscher Mannschaften an den Wettkämpfen demonstriert, läßt erkennen, daß sich die Wirklichkeit immer weiter von den Vorstellungen und Ansprüchen der Bundesrepublik und ihrer Bürger entfernt.

Aber Versuche, den immer gefährlicher werdenden Widerspruch zwischen der bundesdeutschen Forderung nach Wiedervereinigung und der Situation der deutschen Teilung in irgendeiner Form zu überwinden, werden kaum noch gemacht. Unsere These und unsere Forderung sind, nicht zuletzt durch die ständige Wiederholung, zu Tabus geworden, die kaum noch jemand öffentlich in Zweifel zu ziehen oder auch nur zu untersuchen wagt. Das lähmt jede Diskussion und blockiert alle Bemühungen um neue Ansatzpunkte zu einem Gespräch.

Schon aus diesem Grunde ist jedes Buch zu begrüßen, das wenigstens gewisse Aspekte unserer Deutschlandpolitik unabhängig prüft und kritisch beleuchtet. Aber Müller-Gangloff tut mehr. Er sucht ohne Rücksicht auf offizielle Thesen und öffentliche Tabus nach einer Deutschlandpolitik, die sich nicht damit begnügt, unsere Wunschträume zu befriedigen, sondern auch Aussichten hat, verwirklicht zu werden, nach einer Konzeption, die nicht nur für fünfzig Millionen Bundesbürger, sondern auch für die Deutschen jenseits des Eisernen Vorhangs, für unsere europäischen Nachbarn und für die übrige Welt akzeptabel ist.

Der Autor stellt sieben Thesen für die deutsche Politik und für die deutsche Geisteshaltung auf. Um einen Begriff davon zu geben, seien hier die ersten beiden auszugsweise zitiert:

These eins: „Die Wiedervereinigung ist kein glaubhaftes Ziel einer gegenwärtigen deutschen Politik. Die Teilung ist nicht nur die Folge des von uns entfesselten und verlorenen Krieges... sie ist zudem zwingende Konsequenz einer zwanzigjährigen Politik, die ideologische Gegensätze zwischen den Siegermächten angefacht statt aufgefangen hat...“