Von René Bayer

Berlin, im November

Wo immer Ernst Lemmer in Berlin auftritt, gibt es Applaus; taucht dagegen Franz Amrehn auf, bleibt die Stimmung kühl. Lemmer war im Jahre 1956 CDU-Landesvorsitzender und brachte seiner Partei den höchsten Stimmenanteil, den sie in Berlin je erreicht hat: 37,7 Prozent bei den Wahlen im März 1958. Franz Amrehn, im April 1961 zum Landesvorsitzenden gewählt, erstritt bei den Wahlen des Jahres 1963 nur 28 Prozent – eine peinliche Niederlage. Viele Berliner CDU-Leute glauben, die Partei stecke mitten in einer Führungskrise.

Lemmers außergewöhnliche Popularität in Berlin ist unbestritten. Daß er lieber Skat spielt, als manches andere tut, hat ihm zunächst die vielen Skatbrüder der Stadt gewonnen. Daß er Popularität hascht, wie andere Schmetterlinge fangen, und sich trotz Amt und Würde nicht scheut, bei volkstümlichen Konzerten den Taktstock zu schwingen, läßt manche Herzen höher schlagen. Als Politiker hatte er in seinen Kreisen das entscheidende Wort, gemessen und zumeist angemessen. Im Abgeordnetenhaus, als er dort noch für die CDU sprach, glättete er manches Mal die Wogen der Erregung und fand stets mühelos den beruhigenden Kompromiß.

Amrehn dagegen bewies in den Zeiten der SPD/CDU-Koalition als Bürgermeister und gelegentlicher Platzhalter Brandts ein beträchtliches Verwaltungstalent – ein Talent, das ihm heute in der Organisation der Partei zugute kommt. Aber seine Politik und die schroffe Art, wie er sie anbietet, finden wenig Freunde. Zwar wählte ihn der Landesparteitag im April 1965 – ohne Begeisterung, aber mit großer Mehrheit – zum zweiten Male zum Landesvorsitzenden. Trotzdem wirkt er jetzt ziemlich vereinsamt.

Einer der Gründe dafür ist sein unglücklicher Zweikampf mit Willy Brandt. Als Chruschtschow im Januar 1963 Brandt anbot, ihn in der Ostberliner Botschaft zu empfangen, drohte Amrehn mit dem Bruch der Koalition. Die Berliner kreideten ihm daraufhin an, er habe eine Chance für die Stadt vertan und bereiten ihm bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus eine bittere Niederlage. Der Stimmenverlust, mit dem die Parteileitung nicht gerechnet hatte, kostete einigen führenden CDU-Politikern den Platz im Parlament.

Einen zweiten politischen Fehler machte Amrehn in der Passierscheinfrage. Genau wie die Bundesregierung fand sich auch Amrehn, wenn auch zögernd, bereit, den Kontakt zwischen Senat und DDR-Regierung zuzulassen. Aber er hielt es für seine Pflicht, als ständiger Mahner vor allzu viel Gesprächen mit dem SED-Regime und allzu viel Anerkennung für die DDR-Regierung aufzutreten. Gewiß weckte er mit seinen Reden in einigen Schichten der Bevölkerung mancherlei Bedenken. Für seine politischen Gegner aber war es ein leichtes, ihn so darzustellen, als sei er ein Gegner der Passierscheine und der menschlichen Erleichterungen. Einige Parteifreunde meinten: Warum muß er nur stets seine staatspolitischen Bedenken hervorkehren, da doch in Bonn Bundesminister Westrick darüber wacht, daß in Berlin kein Hallstein-Porzellan zerschlagen wird!