Die hohen Wände des weiten Raumes im vierten Stock des "Kurier"-Rundhauses am Tempelhofer Flugplatz sind schmutzig. Staub hat sich an ihnen festgesetzt, seit vielen Jahren schon. In dem Zimmer ist selbst das Licht, das durch die Fenster, fällt, trüb. Eine schmucklose, unpersönliche Atmosphäre, ohne Repräsentationsgepränge: alte Möbel, wahllos zusammengestellt, ein Dürer-Druck an der Stirnwand, gegenüber ein Bücherschrank (fünf Bände "Die deutsche Bankwirtschaft" neben Bachems Geschichte der Zentrumspartei). Ein großer roter Nelkenstrauß ist der einzige Farbtupfer in all dem Grau. Ein Bürozimmergrau, wie übriggeblieben aus alten Tagen.

Es ist das Zimmer eines Chefs: des Geschäftsführers der "Deutschland Verlags GmbH"(Mitherausgeber des "Kurier"), das Zimmer des neuen Ministers für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte – Johann Baptist Gradl. Er ist mittlerweile der sechste Leiter in diesem Amt, das mit Oberländer und Krüger eine recht wechselvolle Geschichte hatte. Stets war es eines jener Bonner Ministerien, das bei Kabinettsbildungen zur "Blutauffrischung" der Regierungsmannschaft beitrug: Vertriebenenminister waren immer schnell zu finden; sie waren ebenso leicht auswechselbar.

Auch Johann Baptist Gradl, der neue, ist – streng genommen – kein Mann vom "Flüchtlingsfach". Er, der geborene Berliner, ist kein Vertriebener, wenngleich er – um prompten Nörglern den Wind aus den Segeln zu nehmen – schon früh etwas mit dem Schicksal der Flüchtlinge zu tun hatte: In den Jahren 1948/49 entwarf er zusammen mit Linus Kather im Frankfurter Wirtschaftsrat die Konzeption für den Lastenausgleich. Ein Greenhorn also ist der Urberliner doch nicht, wie es manche befürchtet hatten.

Zudem ist Gradl auf seine Art doch auch etwas wie ein Vertriebener: der Mitbegründer der CDU in Berlin ("Der Name ‚Christlich-Demokratische Union‘ ist hier geboren worden") mußte im Dezember 1947, zusammen mit Jakob Kaiser, Ernst Lemmer, Robert Tillmanns und Heinrich Krone in den Westen gehen. Der damalige sowjetische Politbeauftragte im Stab von Schukow, Oberst Tulpanow, hatte den in Ostberlin residierenden Zonen-CDU-Vorstand aufgelöst; außer Otto Nuschke wechselten alle Spitzenfunktionäre nach Westberlin über.

Damals sammelte Gradl seine Erfahrungen über die "sowjetische Deutschlandpolitik" – Erfahrungen über Moskaus Mittel und Methoden zur Spaltung Deutschlands. Wie die demokratischen Parteien schikaniert, wie ihre Führer bespitzelt wurden, wie Walter Ulbricht agierte. "Während der Verhandlungen im ‚Zentralen Block der antifaschistischen Parteien‘ war ich oft bei ihm", erzählte Gradl. "Stundenlang saßen wir im ehemaligen Luftfahrtministerium einander gegenüber. Er war mir vom ersten Augenblick an unheimlich: intelligent, hart, zielbewußt – ein Mann, mit dem man nicht ständig zu tun haben wollte. Wenn er da war, sprachen alle SED-Leute nur noch im gedämpften Ton, schielten immer zu ihm ’rüber. Mit den anderen, selbst mit Pieck, konnte man reden, mit ihm nicht." So lernte Gradl die Russen und Ulbricht kennen.

Diese Erfahrung hat ihn nun aber nicht etwa zum Kalten Krieger gemacht, zu einem starrköpfigen Gegner der "kleinen Schritte". Im Gegenteil: Gradl, seit 1953 Mitglied des CDU-Bundesvorstandes, seit 1957 Abgeordneter im Bundestag und stellvertretender Vorsitzender des Gesamtdeutschen Ausschusses, hat seit eh und je für eine aktive, systematische, gestufte Deutschlandpolitik plädiert. Er wendet sich gegen einen "gesamtdeutschen Phrasenschwall", gegen das "Kreuzzugsdenken". Er ist für einen "gestuften Entwicklungsprozeß", für eine "Politik der Vorwärtsstrategie". Und dies sind bei einem Mann wie ihm – engagiert, aber illusionslos, sorgenvoll, doch nicht wehklagend – keine leeren Worte. Es sind keine Aushalteparolen. Gradl ist alles andere als ein gesamtdeutscher Lautenschläger.

Mit seinem weichen weißen Haar über dem faltigen Gesicht ähnelt er einem Pianisten der Virtuosenepoche. In den Mußestunden setzt er sich an den Flügel und spielt Bach oder Beethoven. Das Fortissimo aber liebt er nicht – weder in der Musik noch in der Politik: "Im Jahr 20 der deutschen Teilung sind keine leichten Antworten und großen Worte gestattet." Und in das zweite Kabinett Ludwig Erhards ging er – der sich schon in den fünfziger Jahren für eine Union von CDU und SPD zur Lösung der Wiedervereinigung stark machte und sich dafür eine Rüge Konrad Adenauers einhandelte –, um dafür zu sorgen, daß "in den Nebel von Skepsis und Resignation ein aufklärender Wind fährt".