Während des Besuches von Couve de Murville erklärte ein westlicher Diplomat im Moskauer Bolschoi-Theater: „Dies ist ein zweites Kronstadt!“

Ein solcher Ausspruch, gewiß nicht ohne Pathetik, ruft die Erinnerung wach an einen französischen Flottenbesuch in Kronstadt im Jahre 1891. Damals gab es Massendemonstrationen und viel Jubel für die Franzosen. Ein Jahr später kam es zur russisch-französischen Militärkonvention – eindeutig gerichtet gegen das Deutsche Reich.

Darf man die Diplomatenbemerkung aus dem Bolschoi-Theater als etwas anderes nehmen denn als amüsante historische Reminiszenz? War der Besuch des französischen Außenministers wirklich jenem französischen Flottenbesuch vergleichbar, der den Auftakt bildete für eine Politik, die Deutschland umklammerte?

Jubel gab es auch diesmal genug, Jubel und geschickt arrangierte Bekundungen einer in der Geschichte verwurzelten Gemeinsamkeit: Kranzniederlegungen und Erinnerungen an die Waffenbrüderschaft in zwei Kriegen. Sowjetische Zeitungen haben den Besuch in geradezu hymnischen Tönen als ein großes, als ein spektakuläres Ereignis gefeiert. Frankreich sei, so hieß es, der ideale Bündnispartner für die Sowjetunion. Und der Figaro, auf der anderen Seite, bezeichnete die Allianz mit der Sowjetunion als „alten Traum der gaullistischen Diplomatie“.

Also wirklich ein zweites Kronstadt? Viele französische Zeitungen und der Quai d’Orsay versuchen, den Besuch Couves in ein anderes Licht zu rücken: Verbesserung der Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland – dies gewiß; aber ein Renversement des alliances, eine Umkehr der Bündnisse – nein. Und es gibt Stimmen, auch in der Bundesrepublik, die meinen, der Flirt zwischen Marianne und dem Bären solle, jedenfalls was den Kalkül des raffinierten Mädchens Marianne betreffe, nichts anderes bezwecken, als den widerborstigen Michel willfährig zu machen. Zudem wird darauf hingewiesen, daß die bevorstehende Präsidentenwahl eine Rücksicht auf die vier Millionen kommunistischer Wähler notwendig mache. Kurzum, alles sei Finte und Finesse, und eine „Achse“ Paris-Moskau erscheine, ganz und gar ausgeschlossen.

Couve de Murville, ein korrekter, diplomatisch versierter Handwerksgeselle seines politischen Meisters de Gaulle, hat bei seinen Begegnungen mit den Spitzen der Sowjet-Hierarchie sehr präzise Beratungen über aktuelle Probleme geführt, und dazu gehörte die deutsche Frage. Man war, so hieß es, nicht in allen, aber in vielen Punkten einer Meinung. Dabei hat möglicherweise die gemeinsame Überzeugung, daß die Oder-Neiße-Linie im Ernst nicht mehr bestritten werden kann, nur eine nebensächliche Rolle gespielt. Dies ist kein aktuelles Problem der Weltpolitik. Bedeutsam dagegen war die Übereinstimmung bei der Ablehnung einer atlantischen Atomstreitmacht.

Nun mag man wohl mit Recht argumentieren, daß die Liebesbeziehungen zwischen Paris und Moskau nicht von Dauer sein könnten. Die Franzosen, die ihre machtpolitische Bedeutung gewaltig überschätzen, vermögen den Russen – auch wirtschaftlich – zu wenig zu bieten; und für die Russen, die den Franzosen (oder besser: de Gaulle) die ersehnte europäische Hegemonialposition nicht garantieren können und wollen, bleibt die andere Übermacht, bleibt Amerika doch der einzig entscheidende Partner in der Weltarena.