Von Adolf Metzner

Die ersten vorolympischen Spiele in Mexico City sind vorüber. 1966 und 1967 werden wir Neuauflagen erleben. Diese Sitte oder Unsitte, olympische Generalproben abzuhalten, hat sich seit Tokio eingebürgert. Im Falle Mexiko allerdings kommt sie allen gelegen. Nach dem unerforschlichen Ratschluß der Weisen des Internationalen Olympischen Komitees wurden die Spiele für 1968 ja ausgerechnet an eine Stadt vergeben, die fast 2300 Meter hoch liegt – das entspricht etwa der Höhe des Nebelhorns, des bekannten Berges in den Allgäuer Alpen. Durch diesen Geniestreich werden zum erstenmal in ihrer Geschichte die modernen Olympischen Spiele zu einem sportmedizinischen Problem und damit zu einer Olympiade der Sportärzte. „There will be those that will die.“ „Einige werden sterben“, könnte man frei übersetzen. So überschrieb der englische Olympiasieger von 1956, Christopher Brasher, der jetzt als Sportjournalist Aufsehen erregt, seinen Alarmruf in „The Observer“. Man sah erschreckende Photos von zusammengebrochenen Athleten, deren Organismus jener Doppelbelastung einer körperlichen Höchstleistung in „dünner“ Luft nicht gewachsen war. Brashers Attacke gipfelte in dem Vorwurf, daß es nun zum erstenmal möglich sei, olympische Medaillen zu kaufen. Denn nicht der wirklich beste, sondern der mit Hilfe großer Geldmittel am besten an die Höhe angepaßte Athlet werde gewinnen. Willi Daume dagegen, Deutschlands ehrenamtlicher Sportfunktionär Nr. 1, versuchte, nachdem er in Mexico City war, ebenso wie Dr. Danz, der „Boß“ der Leichtathleten, der selbst Arzt ist, die Befürchtungen zu zerstreuen. Es sei alles halb so schlimm, viel schlimmer sei eine Höhenpsychose, wie sie ja auch Brasher provoziert, die es unbedingt zu vermeiden gelte. Bei uns laufen sogar die Vorbereitungen für Mexiko bisher auf langsamen Touren.

Im Gegensatz dazu haben sich die französischen Sportmediziner, durch Maurice Herzog, den Sportminister, animiert und mit reichlichen Mitteln ausgestattet, mit Vehemenz auf die Lösung der Frage gestürzt, wie sich die Athleten am besten an die extremen Bedingungen in Mexikos Hauptstadt anpassen könnten.

Während von der Bundesrepublik nur jeweils die Vorsitzenden der beiden „leistungsfördernden“ Ausschüsse, derjenige des Nationalen Olympischen Komitees und des Deutschen Leichtathletikverbandes, die Professoren Dr. Nöcker und Dr. Mellerowicz nach Mexico City geschickt wurden, kamen die Franzosen ähnlich wie die Schweden mit einem ganzen Team Weißbekittelter dort an. Außerdem ist in den Pyrenäen schon ein großes Trainingszentrum im Hinblick auf Mexiko im Bau. Auch die Engländer schicken ein Team nach Mexiko, dem ein „Höhenspezialist“, Dr. Griffith Pugh, vorsteht, der seine Erfahrungen am Mount Everest gesammelt hat.

Wer hat nun recht? Jene, die vor den Gefahren der Höhe nicht genug warnen können, oder jene, die den Eindruck erwecken, als wollten sie die Gefahren bewußt bagatellisieren? Die Wahrheit liegt, so glaube ich, wie sooft irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden so kontroversen Ansichten. Mit dieser Meinung befinde ich mich übrigens in guter Gesellschaft, auch Dr. med. Bannister, der frühere Meilen-Weltrekordläufer („The first four minutes“), teilt sie. Brashers sensationelle Prognose, daß einige Athleten den unweisen Beschluß des IOC mit dem Leben bezahlen müßten, ist ebenso extrem wie jene Beschwichtigungen, die von den mexikanischen Veranstaltern aktiviert werden, daß die Höhenlage der Olympiastadt so gut wie keinen Einfluß auf die körperliche Leistungsfähigkeit habe.

Wenn man sich allerdings nur als Tourist in Mexico City aufhält, spürt man im allgemeinen nichts von der dünnen Luft. Das Klima ist angenehm, das Wohlbefinden nicht gestört. Ganz anders in La Paz, der Hauptstadt Boliviens, wo man am Flugplatz lesen kann, daß er 4065 Meter über Meereshöhe liegt. Der Lufthunger durch die mangelnde Anpassung, besonders wenn man von Arica, das in Meereshöhe liegt, heraufkommt, macht sich oft stark bemerkbar, man erhält dort den Rat, in der Stadt möglichst nicht bergauf zu gehen. Fußballmannschaften aus der Ebene bekommen in dieser Höhe in der zweiten Halbzeit kein Bein mehr vom Boden.

In La Paz haben die Einwohner bereits eine deutliche Erhöhung der Zahl ihrer roten Blutkörperchen aufzuweisen, die normalerweise etwa fünf Millionen pro Kubikmillimeter beträgt. In Mexico City dagegen ist, wie mir an dem berühmten Cardiologischen Institut versichert wurde, nur eine unwesentliche Erhöhung der Erythrozyten, die noch im Bereich der üblichen Schwankungsbreite liegt, bei der Bevölkerung festzustellen. Die Anpassung an diese Höhe erfolgt also noch nicht, wie es etwa in La Paz der Fall ist, durch eine stärkere Vermehrung des Blutfarbstoffes, wodurch der Organismus in die Lage versetzt wird, mehr Sauerstoff aus der O hoch 2-verarmten Luft aufzunehmen.