Von Heinz Josef Herbort

Die ersten Takte sind völlig tonal und entsprechen der klassischen Formenlehre von Vordersatz und Nachsatz: Während auf einem Zwischenvorhang eine Karte von Frankreich erscheint – eingezeichnet sind die Standorte und die Stoßrichtungen der einfallenden deutschen Armeen im Frühjahr 1940, sie greifen nach Paris und in die Bretagne; später sieht der Zuschauer den Weg, den die Fliehenden nehmen – beginnt im Orchester eine einzelne Oboe eine Melodie im melancholischen g-moll; die dreitaktige Zeile wird wiederholt, wird fortgesetzt wie früher in der strengeren achttaktigen Periode üblich.

In der vierten Zeile jedoch spaltet sich eine chromatische Linie von der Oboenmelodie ab, Terzen, die in Halbtonschritten abwärts wandern, die sich auffüllen zu Akkorden, zu geschichteten stehenden Klängen: Mit der tonalen Linie zusammen ergeben diese die Zwölftonreihe.

In seiner sechsten Oper, „Jacobowsky und der Oberst nach Werfels gleichnamigem Drama, hat der Komponist Giselher Klebe versucht, Tonales in die Zwölftontechnik zu mischen.

Und sogleich hat er erkannt, daß es, wie Jacobowsky in der Oper mehrfach doziert, „immer zwei Möglichkeiten gibt“, hier: Das Tonale kann in der Hauptlinie, in der Ober- oder Singstimme liegen, die dann von frei beweglichen Stimmen getragen wird, es kann aber auch – umgekehrt – das Tonale die akkordisch-harmonische Stütze einer in Zwölftontechnik gefaßten Hauptlinie sein.

Was so tonal begann, endet in einem wenig tonalen Vielklang: Die erste der insgesamt sechs „Szenen“ schließt mit der vertikal zu einem Klang getürmten Zwölftonreihe, aus der lediglich zwei Töne ausgespart sind. Gerade diese beiden Töne dann bilden den Schlußakkord der zweiten Szene. Und im Schlußklang der ganzen Oper mischen sich die Bestandteile zweier auf die Protagonisten verwendeten Reihen mit dem Akkord, der von der Anfangstonart g-moll am weitesten entfernt ist, mit einem cis-moll-Klang.

Das bedeutet: harmonische Felder gilt es – so schwer das sein mag – in dieser Oper zu hören, zu vergleichen. Die harmonischen Bezüge interpretieren die Beziehungen der Personen und ihre Verhaltensweisen. Die Harmonik ist, neben den Reihen, wieder in die Bedeutung von Leitmotiven aufgerückt wie ehedem.