Von Kai Hermann

Seltsame Gemeinsamkeiten zwischen den Twens in Ost und West des geteilten Berlin lassen die SED-Ideologen seit einigen Wochen an den Erfolg ihrer bewußtseinsbildenden Arbeit zweifeln. Als sich die West-Gammler vor der Gedächtniskirche sammelten, machten Altersgenossen im Osten, ebenso ungewaschen und unfrisiert, den Bahnhof Lichtenberg zum Treffpunkt. In Westberlin zertrümmerten Beat-Fans zu den Rhythmen der "Rolling Stones" die Waldbühne. Jenseits der Mauer animierten gleiche Klänge Jugendliche zu destruktiven Taten an kleineren Objekten wie staatlichen Jugendklubs.

Das Ostberliner Regime übte sich zunächst in der schon seit einiger Zeit bewährten Tugend der Toleranz gegenüber seiner irregeleiteten Jugend. Man hatte es ohnehin aufgegeben, den Schlagergeschmack sozialistisch erzogener Teens und Twens zu diktieren oder auch nur zu beeinflussen. Die "Ideologische Kommission" kam gegen die Hit-Parade von Radio-Luxemburg nicht an. Die Ost-Fans malten auf echte und imitierte "Ami-Jacken" den Namen der "Rolling Stones".

Die altväterlichen Ermahnungen kommunistischer Zeitungen unterschieden sich nur durch einige Beimengsei an sozialistischem Pathos von dem bürgerlichen Entsetzen, dem westliche Blätter Ausdruck gaben. Leserbriefe besorgter Eltern und Erzieher forderten hüben wie drüben drakonische Maßnahmen. Und gelegentlich wurde diesseits und jenseits des Stacheldrahts spontaner Volkszorn wach, und größere und kleinere Polizeiaufgebote gingen gegen die "unappetitlichen Gestalten" vor.

Das Recht auf Beat-Musik aber war den DDR-Halbstarken im Jugendkommunique des Politbüros, als dessen einflußreicher Mitautor Walter Ulbricht gilt, garantiert. Dort heißt es verbindlich für Partei und Staat: "Niemandem fällt ein, der Jugend vorzuschreiben, sie solle ihre Gefühle und Stimmungen beim Tanz nur im Walzer- oder Tangorhythmus ausdrücken. Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen." Das "Neue Deutschland" feierte die Beat-Musik schließlich sogar als Ausdruck "gesunder Naivität".

An dieses Urteil wird man sich heute freilich wohl nur noch ungern erinnern. Die Phonstärke der "Rolling Stones scheint nun doch die Toleranzgrenze des Regimes zu übersteigen. Bei den Ideologen der Partei keimt der Verdacht, daß allzu heiße Rhythmen ein subtiles Werkzeug des Klassenfeindes sein könnten. Das "ND" jedenfalls argwöhnte schon vor einigen Wochen: "Eine der Hauptspielarten des Imperialismus... ist die Spekulation, die Jugend der DDR demoralisieren zu können."

"Die Sputniks" – eine der beliebtesten Twist-Bands im östlichen Deutschland – wehrten sich gegen die sehr massiven Angriffe auf ihre Musik. Sie gaben "Ausschreitungen gegen alle Moral und Gesetz" von "fehlgeleiteten Jugendlichen" zu. Die Verantwortung für solche Exzesse gaben sie aber nicht ihren rotlackierten Schlaggitarren, sondern FDJ-Sekretären, Lehrern, Volkspolizisten, Veranstaltern, die "das Publikum in seiner Erregung negativ beeinflussen" und anderen Erwachsenen: "Offensichtlich gibt es da noch Verantwortliche, die ihre Aufgaben nicht ernst genug nehmen oder ihnen nicht gewachsen sind".