In Berlin stand ein Fluchthelfer vor Gericht. Einem Mann, der sich noch, vor einigen Monaten als Held der geteilten Stadt feiern ließ, wurde nun vom Staatsanwalt vorgeworfen, „in frivoler Weise mit dem Leid der anderen gespielt“ zu haben. Dem Fluchthelfer Hans Gehrmann wurde nachgewiesen, daß er in vierzig. Fällen DDR-Einwohner oder deren Angehörige in der Bundesrepublik um insgesamt 120 000 Mark geprellt hat. Die tatsächliche Zahl derer, denen er mit dem Versprechen Fluchthilfe zu leisten, Geld abschwindelte, dürfte noch sehr viel höher liegen.

Schwerer noch als der Betrug aber wiegt ein Tatbestand, der strafrechtlich nicht zu ahnden ist: Siebzehn Flüchtlinge und acht Fluchthelfer brachte die Geschäftsmacherei Gehrmanns – der selbst niemals ein Risiko auf sich nahm – in ostdeutsche Gefängnisse. Die Fälle dagegen, in denen er seit 1961 erfolgreich half, lassen sich, wie der Staatsanwalt erklärte, „an den Fingern zweier Hände abzählen“.

Gehrmann ist ein Sonderfall. Für die Mehrzahl der Berliner Fluchthelfer ist nicht Gewinnsucht der Antrieb, wenn sie ihre Unterstützung bei Fluchtaktionen für Geld anbieten. Allerdings – auch die Methoden derer, die aus uneigennützigen Motiven das risikoreiche Geschäft begannen, nehmen Geld, auch wenn sie nicht helfen können. Sie setzen Leben und Freiheit von Helfern und Flüchtlingen leichtfertig aufs Spiel. Sie behaupten immer wieder, die Unterstützung offizieller Stellen zu besitzen und gewinnen damit das Vertrauen von Fluchtwilligen. Auch jene, die antraten, menschliches Leid zu lindern, haben allzu oft nur größeres Leid verursacht.

Fluchthilfe unter Abwägung des Risikos im individuellen Fall wird notwendig sein und Verpflichtung bleiben, solange die SED nicht einmal Eheleuten, Verlobten oder Familien das Zusammenkommen gestattet. Aber mit Geschäftemacherei und Abenteuertum an der Mauer sollte in Westberlin nun endgültig ein Ende gemacht werden.

Offenbar aus Angst vor der „öffentlichen Meinung“, nämlich einem Teil der Berliner Presse, haben die Behörden zu lange mit dem Eingreifen gezögert. Im Fall Gehrmann hat sich die Staatsanwaltschaft, wie es in dem Prozeß hieß, schon vor einiger Zeit verpflichtet gefühlt, „ihm anzuraten, seine Unternehmungen einzustellen“. Das Geschäft Gehrmanns aber ging ungestört weiter. Wäre in diesen und anderen Fällen gehandelt und nicht nur „angeraten“ worden, hätte man nicht erst auf von Ostberlin lancierte Enthüllungen gewartet, wären wahrscheinlich einige Menschen weniger ins Gefängnis und eine ganze Anzahl nicht um ihre Ersparnisse gebracht worden. K. H.