Von Horst Hachmann

Herr Guggenbichel ist ein außergewöhnlicher Mensch mit außergewöhnlichen Lebensmaximen, und er wohnt in einem außergewöhnlichen Dorf. „Ich bin reich“, sagte er in ehrenwerter Selbsteinschätzung, „aber ich bin ein Mensch. Ich liebe es zu leben – und ich liebe es, leben zu lassen.“ Dann zog er aus einem Krokodillederetui seine Visitenkarte hervor und bemerkte: „Besuchen Sie mich mal; Sie finden Alfons Guggenbichel in Hausen.“ Hausen ist das reichste Dorf Deutschlands.

Der Ort steht unter den 51 Gemeinden gleichen Namens an 35. Stelle im Postleitzahlenverzeichnis der Bundespost. Er hat also dort etwa den Rang, den die Müllers oder Schulzes im Adreßbuch einnehmen. Aber es ist gewissermaßen ein „von“ Hausen, ein Dorf mit Villenkolonien und Hochhäusern, ein Dorf, das die Bausatzung sehr großzügig auslegt, wo spitzgieblige Häuser neben flachen Bungalows liegen, wo gleichermaßen himmelstürmend und „erdverbunden“ gebaut wird.

Alfons Guggenbichel besitzt dort einen Bungalow. Er empfing mich an der Haustür und führte mich in sein Arbeitszimmer. Es besteht aus sieben oder acht bunten, ledernen Sitzkissen und einer großen, selber gebauten Eisenbahnanlage: „Beim Spielen kommen einem die besten Ideen.“ Dann fragte er: „Kognak?“ und setzte eine Lokomotive in Gang. Sie zog nur Tankwagen. „Martell? Dann bedienen Sie sich bitte aus dem grünen Wagen.“ Der zweite Zug brachte den Kognakschwenker, der dritte Zigaretten und Streichhölzer. „Sie glauben gar nicht, wie umsatzfördernd meine Eisenbahn ist – ich mache meine Geschäfte im wahrsten Sinne des Wortes spielend. In jedem Manne steckt ein Kind, und mit Kindern läßt es sich am besten verhandeln.“ Nur einen Kummer hat der gewiegte Businessman: Die Modelleisenbahn, sein Kundenköder Nummer eins, kann beim Finanzamt nicht abgeschrieben werden.

Während die Züge fuhren, sprach Guggenbichler über Hausen. Hier gebe es eine Menge Millionäre („Ich weiß nicht wieviel, denn die Leute schreibend ja nicht an die Haustür“), mehr fünfstellige Bankkonten („vier Bankhäuser sind vollbeschäftigt“) und mehr zugelassene Autos als in irgendeinem anderen Dorf („Der Mercedes ist der Volkswagen von Hausen“). Alfons Guggenbichel wurde nicht müde, die Superlative seiner Wahlheimat aufzuzählen.

Ich machte mich auf den Weg, sie kennenzulernen.