In Moskau wurde eine neue Agitprop-Zentrale gebildet

Von Wolfgang Leonhard

Fast unbemerkt hat sich in der Sowjetunion ein wichtiger Vorgang vollzogen: der Aufbau einer neuen ideologischen Befehlszentrale. Inmitten der Kampagne für die Verwirklichung der Wirtschaftsreform und der Vorbereitungen auf den 23. Parteitag hat der Kreml zugleich ohne viel Aufhebens die ideologischen Schlüsselpositionen des Landes neu besetzt. Sergej Trapesnikow (nicht zu verwechseln mit dem Wirtschaftsreformer gleichen Namens) wurde ideologischer Leiter für Wissenschaft und Erziehung, Wladimir Malin Direktor für Gesellschaftswissenschaften, Michail Simjanin neuer Chefredakteur der Prawda und Lew Tolkunows neuer Iswestija-Chefredakteur. Mit diesen Ernennungen wurde der weitreichende personelle Umbau der ideologischen Befehlszentrale der sowjetischen KP abgeschlossen.

Leicht war dieser Umbau nicht. Unmittelbar nach Chruschtschows Sturz waren Prawda-Chefredakteur Satjukow und Iswestija-Chefredakteur Adshubej ihrer Posten enthoben worden. Vorübergehend wurde die Prawda dann von Sergej Rumjanzew geleitet und das Regierungsorgan Iswestija von Stepakow. Dann blieb die Iswestija – zum erstenmal in der Geschichte des Sowjetkommunismus – vier Monate überhaupt ohne Chefredakteur. Als Ende März 1965 der Chefideologe der Chruschtschow-Periode, Leonid Iljitschow, gehen mußte, wurde die Situation an der ideologischen Front noch undurchsichtiger. Nach monatelangem Interregnum erst konnte der Umbau jetzt, ein Jahr nach Chruschtschows Sturz, beendet werden.

Monatelanges Interregnum

Allerdings – einen wirklichen Chefideologen alten Stils, wie es Iljitschow noch war, gibt es bisher nicht wieder. Wie in der Kremlspitze besteht auch in der sowjetischen Ideologie-Zentrale eine Art „kollektive Führung“. Die offizielle Leitung der gesamten ideologischen Tätigkeit liegt zwar in den Händen des 47jährigen Mitglieds des ZK-Sekretariats Pjotr Demitschew, der gleichzeitig auch Kandidat des Parteipräsidiums ist. Aber noch wäre es verfrüht, ihn als „Chefideologen“ zu bezeichnen, zumal da er – ein einmaliger Fall im ideologischen Apparat! – noch bis vor einigen Monaten im ZK-Sekretariat für die chemische Industrie zuständig war. Allerdings ist er auch Absolvent der Parteihochschule und war mehrere Jahre lang Gebietssekretär in Moskau. Im übrigen stehen ihm die drei ideologischen Spitzenfunktionäre Wladimir Stepakow (Agitation und Propaganda), Dimitrij Polikarpow (Kultur)’und Sergej Trapesnikow (Wissenschaft und Erziehung ) zur Seite.

Der 53jährige Stepakow ist unter ihnen wohl der bedeutendste. Er erhielt in einer Parteihochschule seine ideologische Ausbildung, promovierte später zum Kandidaten der Wirtschaftswissenschaften und machte im Moskauer Parteiapparat seine Karriere; zeitweilig soll er auch im Apparat des Staatssicherheitsdienstes tätig gewesen sein. Der Dozent an der Akademie der Gesellschaftswissenschaften trat Ende der fünfziger Jahre als Parteisekretär des Moskauer Gebiets hervor und leitete nach 1960 mehrere Jahre lang die Abteilung für Propaganda und Agitation beim sowjetischen Zentralkomitee für die Russische Föderative Republik (RSFSR). Als Nachfolger von Chruschtschows Schwiegersohn Adshubej übernahm Stepakow dann im Oktober 1964 kurzfristig die Chefredaktion der Iswestija. Als Chef der Abteilung für Propaganda und Agitation untersteht ihm jetzt nicht nur die gesamte politische Schulung, sondern auch die oberste Kontrolle über die propagandistischen Massenmedien. Nach seiner Ernennung propagierte er in einem zwölfspaltigen Artikel den Ausbau des Parteischulungssystems und verlangte, daß die Wirtschaftsfunktionäre ideologisch stärker ausgebildet werden sollten.