Von Lutz Köllner

Otto Stammer (Herausgeber): Max Weber und die Soziologie heute, Verhandlungen des 15. deutschen Soziologentages in Heidelberg; J. C. B. Mohr / Paul Siebeck, Tübingen; 343 Seiten, 27,– DM.

Max Weber, letzter großer Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft, Gelehrter und Politiker, ist noch immer ein heller Kristallisationspunkt der deutschen und internationalen Soziologie. So wie er selbst die bedeutendste Gegenposition zu den Gesellschaftslehren des ausklingenden 18. Jahrhunderts und vor allem des Marxismus verkörpert, bezieht sich, oft unausgesprochen, alle moderne Soziologie weiterhin auf ihn. Freilich ist sie über seine Anschauungen streckenweise auch weit hinausgewachsen, wie es die „Verhandlungen“ (dies Wort stammt aus der Zeit beginnender wissenschaftlicher Kongreßfreudigkeit im letzten Drittel des deutschen 19. Jahrhunderts) des Soziologentages vom April vorigen Jahres in Heidelberg verraten.

Die Soziologie, die für viele überhaupt erst durch Webers Werk den Anstrich wahrhafter Wissenschaftlichkeit erhielt, hat in ihrer noch jungen Geschichte alle Phasen durchlaufen, die junge Wissenschaften anscheinend notwendig erleben müssen: Überbewertung von Anfangsleistungen, Verkennung ihrer Möglichkeiten, Mißachtung durch andere akademische Disziplinen und eine nur langsame Einsicht in ihren tatsächlichen und auf die Dauer fruchtbaren Stellenwert im Wissenschaftsgefüge. Als Familien-, Betriebs-, Unternehmens- oder Gruppensoziologie ist diese Wissenschaft als rationalisierte Gesellschaftsvorstellung weder als theoretische noch als praktische Disziplin heute noch fortzudenken. Aber selbst die Vertreter neuester Zweige der Lehre von den zwischenmenschlichen Beziehungen berufen sich auf Max Weber, der neben Ansätzen zu einer Musiksoziologie auch so hochaktuelle Probleme wie Bürokratismus und Macht in einem demokratisch-industriekapitalistischem Sozialgefüge bereits angeschnitten hat.

Die Heidelberger Tagung galt dem Gedenken eines Mannes, der nicht nur als Gelehrter, sondern auch als Politiker ein Professor, ein „Bekenner“, gewesen war. Die plebiszitäre Reichspräsidentenverfassung von Weimar geht auf seine Anregung zurück. Er war in Versailles dabei, und er hat den Zwiespalt vieler Deutscher zwischen monarchistischer politischer Wirklichkeit und erhoffter republikanischer Nationalstaatlichkeit erlebt, erlitten und durch politische Aufsätze zu Tagesfragen der Politik während des Ersten Weltkrieges und danach zu überwinden versucht. Fast schon legendär geworden sind seine Münchener Vorlesungen über Politik als Beruf und Wissenschaft als Beruf. Es waren die letzten „großen“ Vorlesungen, die Max Weber nach seinem Auszug aus Heidelberg hielt.

Der bedeutende Staatssoziologe starb mit 56 Jahren, nachdem seine neurotische Natur ihn jahrelang hatte leiden lassen, was ihn von den Pflichtvorlesungen mit wohlmeinendem Verständnis der zuständigen Kultusbehörden entbunden hatte. Max Weber war krank; ein Leben lang und unschwer lassen sich Symptome seiner Krankheit gerade in seiner starken Rationalität erkennen, die die Soziologie als Wissenschaft ebenso voranbrachte wie auch in eine gefährliche Starrheit führte.

Weber wollte als Wirtschaftstheoretiker die Epochen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte in überschaubare Schemen gliedern, er wollte durch gedankliche Konstruktionen, Idealtypen, die Wirklichkeit fixieren und brauchbare Instrumente entwickeln für die soziologische Wissenschaft, die sich für ihn vornehmlich um den Prozeß der Rationalität im öffentlichen Leben und um die Frage der Macht drehte. Während er für die wechselnden Färbungen kultureller Wandlungen ein feines Gefühl besaß, versperrte er sich zugleich den Zugang zu einer elastischen Behandlung vieler sozialwirtschaftlicher Fragen durch seine methodischen Konstruktionen. Seine Eigenheiten werden deutlich, wenn man ihn mit dem nach Karl Marx zweiten großen, grollenden und magischen Privatgelehrten der letzten hundert Jahre vergleicht: mit Oswald Spengler.