Nur Fachleute merkten auf, als Ende September eine lakonische Pressemitteilung veröffentlicht wurde, in der es hieß: „Die Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH., Hamburg, haben ein Paket des Aktienkapitals der drittgrößten deutschen Brauerei, der Henninger KG a. A., Frankfurt, übernommen Es war das zweite Mal innerhalb von neun Monaten, daß das Unternehmen „fremd“ ging und aus ihrem traditionellen Bereich ausbrach. Die Pressenotiz vom 29. September verweist auch darauf: „Die Firma ist bereits bei der Sektkellerei Carstens KG., Neustadt a. d. Weinstraße, die die im Lebensmittelhandel z. Z. größte Marke SC Verstellt, beteiligt.“

Das Wort „beteiligt“ klingt dabei allerdings wie ein Understatement – so wie es dem Stil des Hauses entspricht. Denn als die Brüder Reemtsma nach den ersten harten Nachkriegsjahren im feudalen Hamburger Vorort Groß-Flottbek ihre Hauptverwaltung aufbauten, plazierten sie neben den Eingang zum Verwaltungsgebäude eine Plastik des Bildhauers Richard Scheibe mit dem Titel „Sophrosyne“, jener Frauengestalt aus der griechischen Mythologie, die das Symbol für Mäßigung und Bescheidenheit war. Den hansischen Unternehmern galt denn auch das preußische Motto: Mehr sein als scheinen.

Nun, in der Hauptverwaltung sagt man offen: „Carstens gehört praktisch uns.“ Es war der erste Schritt des Unternehmens auf ein neues Gebiet, auf den Getränkemarkt – ein erfolgreicher Schritt; denn für das letzte Jahr reklamierte Carstens-Sekt einen Marktanteil von 10 Prozent und stand damit hinter Henkell und Oetkers „Söhnlein“-Kellerei an dritter Stelle. So bekannte Namen wie Kupferberg, Deinhard oder Matheus Müller rangierten weiter unten auf der Liste.

Das Engagement hatte sich ergeben, als dem Firmengründer Bernt Carstens Ende der fünfziger Jahre die Luft auszugehen drohte. Mit der Erfahrung alter Markenartikler boxten die Hamburger den Carstens-Sekt in den Markt. Eine geschickte Marktpolitik, ein im Vergleich zu anderen Sektmarken lange Zeit niedriger Preis und eine intensive, moderne Werbung haben die Marke SC – besonderes Kennzeichen: ohne branchenüblichen Zuckerzusatz – zur führenden Marke im Lebensmittelhandel gemacht. (Nur in Hotel- und Gaststättenbetrieben dominieren noch die traditionellen Sektmarken.) Der Absatz von mehr als zehn Millionen Flaschen Carstens-Sekt brachte den Umsatz im letzten Jahr auf rund 40 Millionen Mark.

Anfang dieses Jahres schied Bernt Carstens aus Gründen aus, die „im persönlichen Bereich“ liegen. Er widmet sich seitdem intensiv der Pflege der „Kleinen Reblaus“, einem Perlwein.

Befragt, was Reemtsma sich denn nun von dem Besitz von 10 Prozent der Henninger-Aktien verspricht, meint Rudolf Schlenker, der Vorsitzende des Vorstands, gutgelaunt: „Wir möchten von dem Namen Henninger am Schornstein profitieren.“ Das ist ein Wegweiser, nicht nur für Durstige, sondern auch für diejenigen, die das neue Ziel der Reemtsma-Strategie erkunden wollen. Die Verbindung mit Generalkonsul Bruno H. Schubert, dem Großaktionär der Henninger-Brauerei – er hält noch immer über 75 Prozent der Aktien –, spielte schon bei dem Carstens-Engagement eine Rolle. Sie ist nun durch. die Übernahme des Aktienpakets aus dem Besitz von zwei Großbanken noch enger geworden. Legt man den derzeitigen Börsenkurs zugrunde, dann hat die Reemtsma-Gruppe dafür etwa 9,4 Millionen Mark auf den Tisch legen müssen.

Bei der Zurückhaltung, deren sich die Hamburger Zentrale befleißigt, muß es überraschen, daß der Vorstand den Paketkauf als so wichtig empfand, daß er der Öffentlichkeit in einem sorgfältig formulierten Kommuniqué offiziell mitgeteilt wurde. Aber offensichtlich steckt hinter der Verbindung mehr als nur eine schlichte Kapitalbeteiligung. Denn das wäre nicht unbedingt neu. Der Name Reemtsma tauchte, bisher schon im Zusammenhang mit manchem anderen Unternehmen auf, auch im Zusammenhang mit Bier, beispielsweise mit Beck’s Bier. Doch immer war es die Familie Reemtsma, die hier Geld anlegte, aus unternehmerischem Interesse oder auch aus hansischem Patriotismus, wie beispielsweise in der Schiffahrt. Die Firma Reemtsma blieb bisher streng und exklusiv auf ein Produkt ausgerichtet: auf die Zigarette.