Von German Kratochwil

Der Essay "Die Enthumanisierung der Kunst" von Ortega y Gasset erschien 1925. Es schmeichelte die sensiblen Künstler in Madrid und Paris, in ihm als kalte Strategen einer autonomen Wortwelt Bedeutung zu gewinnen. Zwei Jahre später feierte man den dreihundertsten Todestag des schwer verständlichen Dichters Góngora; zu seinem Lob fanden sich die Erneuerer der spanischen Lyrik zusammen: Alberti, Guillén, Aleixandre, Diego, Lorca. Der Wert einer Dichtung, schrieb damals Lorca, wachse für Gongora in dem gleichen Maße, wie sie sich von der gemeinsamen Erfahrungswelt entferne.

Das eben dachten auch die jungen Dichter, die sich hinter ihrem barocken Ahnherrn verbargen.

Noch zwei Jahrzehnte später – dazwischen liegt der blutrünstige Bürgerkrieg – schrieb Gerardo Diego: "Man sagt, es sei Glaube, zu glauben, was wir nicht sahen. Zu glauben, was wir nie sehen werden, das ist Dichtung." Diegos Generations-Kollegen Federico Garcia Lorca, Jorge Guillén und Vicente Aleixandre sind schon vor einiger Zeit in Auswahlbänden auf deutsch erschienen. Sie haben in späteren Jahren zur Humanisierung zurückgefunden. Der ersten Ästhetik treuer blieb der – jetzt von einem studentischen Unternehmen auch in der Bundesrepublik herausgebrachte –

Gerardo Diego: "Gedichte – Versos", spanisch und deutsch, übertragen von Bernward Vesper-Triangel, Graphiken von Peter Kuckei, Nachwort von Hannelore Dittmeyer; studio neue literatur, Berlin; 120 S., 25,– DM.

Sechsunddreißig gut ausgewählte Lyrikstücke in einem großzügig Raum lassenden Blockbuch: Verspaare links, Verspaare rechts, oder in Barockmustern wie

Verfertigen wir aus allen schreien