Von Kilian Beyer

...und wem halt leider die Blähbeus imer mehrer und die Barokfiguhrn imer wenieger und isd die Breisschteigerung dadurch eine ser erhäbliche. „Münchner Stadtanzeiger“

Die Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse rechtfertigt jeden Verantwortlichenstolz. Sie ist zur Institution geworden, was die Veranstalter so oft betonen, daß man es zu bezweifeln schon fast wieder geneigt wäre. Aber der sichere Beweis dafür, wie sehr sich der „Madonnenauftrieb“ (um gleich passend zu zitieren) im Bewußtsein auch der Nichtfachleute institutionalisiert hat, sind die Klischees, die sich vom Begriff bereits nicht mehr trennen lassen, die einheitlich boshaften Assoziationen, die das Stichwort auslöst – „Rummel“, „Nepp“ und „Snob-Betrieb“ ist der Tenor.

Zu einer Vor-Eröffnung gab’s zweitausendfünfhundert Brötchen, zur offiziellen fast so viele geladene Gäste. Die hundert Meter lange Sinnlosigkeit der Freitreppenfront vor / dem Kunsthauskolossalklotz, dem für tausend Jahre geschaffenen, gewann unter dem Ansturm plötzlich eine Funktion. Auffallend gelb illuminierten Scheinwerfer die Szenerie, als läge Nebel um den Jahrmarkt alter Kunst im Haus einst deutscher Kunst. In der Vorhalle staute sich’s, kleine Strömungswirbel um den Tizian (das programmatische 160 000-Mark-Objekt, gleich dem Eingang gegenüber) und um die Garderobe. Neue Reiche im Smoking, Uradel in Tracht; Nerz, doch nicht nur Nerz, Kaftans und Loden.

Manche verharrten Stunden im Eingangshallengetriebe unter der mählich chloroformierenden Duftglocke aus Havanna, Chanel und Münchner savoir vivre; wer hier nicht sah, wer hier nicht gesehen wurde, hat drinnen die Chance so leicht nicht wieder. München leuchtete im Glanz seiner Gesellschaft, dem Glanz von Talmi und Solitär.

Es schob sich hinein in die schmalen Gänge zwischen den Kabinetten, Prominenz verschiedenster Provenienz dicht aufeinander. Strom und Gegenstrom. Und dann und wann der Ministerpräsident. In den Boxen hielten die Händler Hof, viele von schwarzlidrigen Sylphiden flankiert. Man scherte aus und hinein, Scherze zwischen alten Partnern, breites Lachen, Scharfblick, Devotheit. Den Scheckblock sah man selten; vielleicht schien er im festlichen Rahmen der Eröffnung unpassend. Dafür Scotch Whisky auf Rokoko-Tischchen.

Amorph wie der optische Eindruck ist der akustische: in sich gemusterter Gesprächsfleckerlteppich, Grundfarbe bayrisch, Akzente polyglott, und im Ventilatorenwind weht Eliots Spruchband: „...the women come and go, talking of Michelangelo.“ In die Gedämpftheit knallt impertinent eine Lautsprecherstimme, wie science fiction wirkend zwischen gotischen Madonnen und historischem Zierat: „Eine Dame hat ihre Nerzstola verloren, der Finder wird gebeten, sie am Eingang abzugeben.“ Es klingt wie Parodie, doch läßt sich nolens volens aus den Unterhaltungen noch Abgegriffeneres aufschnappen: „Das wär doch ’ne schicke Sache, die im Vestibül“ (im reinsten Jürgen-von-Manger-Tonfall ist von einer Anna Selbdritt die Rede) oder: „I would like this in the Reviera bungalow“ (ein Louis-XVI.-Sitzmöbel, vergoldet).