Zwischen 1959 und 1964 stieg Frankreichs Handelsaustausch mit den 130 Millionen EWG-Europäern um 228 Prozent, mit den sechs Millionen Schweizern aber um 244 Prozent. Diese Zahlen benutzte de Gaulles Premierminister George Pompidou, um seine Behauptung zu untermauern, die EWG sei für die Franzosen gar nicht so wichtig.

Pompidou meinte, der Erfolg oder Fehlschlag des europäischen Werkes – dessen Vollendung er „ehrlich“ wünsche – sei für das geplante Wachstum der französischen Wirtschaft ohne Bedeutung. Nun hätte man von George Pompidou bessere Argumente erwarten dürfen.

Frankreichs Bauernverbände haben in der vergangenen Woche mit einem Weißbuch ihr EWG-Interesse bekundet. 49 Prozent der französischen Agrarexporte fließen heute in den Gemeinsamen Markt. Nirgends in der Welt ist für diesen Absatzmarkt und die in ihm liegenden Chancen für die Zukunft ein Ersatz zu finden.

Frankreichs Bauernorganisationen räumen mit einer Illusion auf: in den Osten rollen trotz umfangreicher Bemühungen der Pariser Regierung nur knapp 10 Prozent der landwirtschaftlichen Ausfuhren. Dazu Pompidou: Kein Wunder, da doch diese Staaten ihren Handel kontingentieren, die Importmengen also genau begrenzen. Womit auch Frankreichs Premier die Ost-Hoffnungen des französischen Agrarexports ins Reich der Träume verwies: nichts spricht dafür, daß Kossygin, Gomulka oder Kadar de Gaulle mit der Liberalisierung der Einfuhr von Nahrungs- und Futtermitteln belohnen wird, falls er die EWG platzen läßt.

Wenn die europäischen Einigungsbemühungen auf wirtschaftlichem Gebiet scheitern sollten, meinte George Pompidou, dann wäre die „einzige“ Folge eine höhere Belastung des französischen Staatshaushalts (weil der EWG-Agrarfonds dann nicht mehr den Export von Frankreichs landwirtschaftlichen Überschüssen subventioniert); diese einzige Konsequenz aber träfe de Gaulles Staat schwer, wie das Weißbuch an Hand greifbarer Zahlen zeigt.

In diesem Jahr bezieht Paris aus dem Brüsseler Landwirtschaftsfonds schon 360 Millionen Mark. 1970 werden es mindestens 1,12 Milliarden sein; von beiden Beträgen sind die französischen Einzahlungen in den Europa-Fonds schon abgezogen. Die Subventionsauf-Wendungen steigen in Frankreich überdies von Jahr zu Jahr; 1964 allein um 360 Millionen.

Mit solchen zusätzlichen Lasten könnte de Gaulle nur auf dreierlei Weise fertig werden: entweder er erhöht die Steuern und damit die Kosten der Industrie, deren Wettbewerbsfähigkeit in der Welt darunter leiden müßte; oder er steigert die Verbraucherpreise – mit dem gleichen Ergebnis; oder er begrenzt die bäuerliche Produktion, etwa durch Stopp der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise – dann wird Frankreichs landwirtschaftliches Proletariat, jetzt mit dem Versprechen höherer EWG-Preise zur relativen Ruhe gebracht, eine politische Gefahr erster Ordnung.

Hermann Bohle