Von Ulrich Gregor

Interviews sind wohl der wichtigste Rohstoff aller auf Aktualität gerichteter Fernsehsendungen – neben der verkürzten Form des Interviews, dem Statement, bei dem Fragen an den Interviewpartner gar nicht mehr gestellt oder später weggeschnitten werden. Jede Redaktion, jedes Fernsehteam denkt bei der Konzipierung einer wie auch immer gearteten Sendung zunächst einmal darüber nach, wie man den Stoff in „Dokumente“ und „Interviews“ auflösen kann. Befragungen oder Gespräche kommen auf dem Bildschirm stets gut zur Geltung. Sie vermitteln den lebendigen Kontakt zu einer Persönlichkeit, sie rücken ein Thema, das sonst abstrakt bliebe, in eine menschliche, individuelle Perspektive, sie liefern den human touch; sie tragen den Akzent des Authentischen, Dokumentarischen; kurz: sie machen ein Thema überhaupt erst „fernsehreif“.

Zumindest scheint sich das so zu verhalten. Schaut man allerdings näher hin, untersucht man die Gepflogenheiten, nach denen Fernsehinterviews angefertigt werden, so merkt man, wie viel Künstlichkeit in scheinbar natürlichen und spontanen Interviews steckt, wie häufig das zufälligdokumentarisch Eingefangene präpariert und zurechtgemacht ist und wie die Meinung einer Person durch die Praxis der Fernsehaufnahme in bestimmte schablonenhafte, oberflächliche Bahnen gelenkt wird.

Wollte man eine Typologie des Fernsehinterviews aufstellen, so könnte man etwa fünf Typen unterscheiden: die auf der Straße zufällig eingefangene Meinungsäußerung von Passanten (sie gibt die Meinung des „Mannes von der Straße“ wieder); das Interview in realen Dekors (der Künstler in seinem Atelier, der Unternehmer vor seiner Fabrik und so weiter); das im Studio realisierte Interview (der Politiker X. wird nach seiner Meinung über die Ergebnisse der Bundestagswahl befragt); das „Kreuzverhör“, das gleichfalls meistens im Studio stattfindet, bei dem zwei mehr oder weniger „hartgesottene“ Reporter dem Interviewpartner schnell hintereinander Fragen stellen, mit dem Ziel, diesen aus der Reserve zu locken oder ihn zu verwirren; und schließlich die in künstlerisch-literarischem Bereich angesiedelte edelste Form des Interviews, das abendfüllende Gespräch, das sich zum Porträt einer Persönlichkeit rundet.

Die Interviews des ersten Typs, die zufällig auf der Straße erhaschten, meist anonymen Meinungsäußerungen besitzen oft den Reiz der Originalität oder auch der dokumentarischen Authentizität. Von einem Kamerateam des französischen Fernsehens wurde ein denkwürdiges Interview mit Jean-Paul Sartre hergestellt, das zustandekam, indem Kameramann und Tontechniker zusammen mit dem Reporter den redeunwilligen, rasch davoneilenden Sartre über eine breite Straßenkreuzung in St. Germain-des-Pres hinweg verfolgten und ihm die Antworten, die er nicht geben wollte, förmlich abzwangen. Hier wurde zwar nicht eben Profundes zutage gefördert, wohl aber das Blitzporträt einer Persönlichkeit in einer authentischen Situation entworfen.

In den meisten Fällen sind die Interviews von der Straße Ergebnisse ausgiebiger Schnittarbeit: Man pflegt die Antworten jeweils so zusammenzumontieren, daß sie den gerade gewünschten Eindruck hervorrufen. Die soziologische Beweiskraft solcher Interviews ist gleich null. Auch, wenn man zwanzig oder dreißig Personen zu einem Thema befragt, gibt man niemals einen, annähernd repräsentativen Querschnitt durch die „Volksmeinung“, wie es manche Fernsehsendungen, die sich dieser Interviewsmethode bedienen, stillschweigend anklingen lassen (zum Beispiel die Sendungen über die Probleme europäischer Integration).

Viel mehr kommt es bei diesem Typus von Interview darauf an, in jeder einzelnen, zufällig eingefangenen Antwort allgemein typische Reaktionsweisen sichtbar zu machen. Bestes Beispiel dafür: die Meinungsäußerungen, die Matthias Walden bei seiner Umfrage nach den Ansichten der Deutschen zum 17. Juni erhielt. Die Mischung von Indifferenz und schlechtem Gewissen, die die typische Reaktion auf dieses Problem darstellt, läßt sich schon aus einer einzigen Antwort ableiten, sie ergibt sich nicht etwa erst aus der statistischen Häufung von Antworten.