Er ist eine liebenswürdige Mischung aus dem, was man südlich des Mains einen Geschaftelhuber nennt, einem Original, wie man es in deutschen Gauen wohl nur noch in München trifft, und einem Idealisten: Johannes Keller, 66 Jahre alt, mit leuchtend weißem Haar, hinter den Brillengläsern ein Paar pfiffige blaue Augen und einem listigen Lächeln in den Mundwinkeln. Von Beruf ist er – nimmt man das Lehrzeugnis zur Hand – Bankkaufmann; aus Berufung Antiquitätenhändler.

„Zu sammeln habe ich mit zehn Jahren angefangen“, erinnert er sich. „Damals kaufte ich mir ein Bild für eine Mark, einen Venezianer aus dem 18. Jahrhundert. Und ich besitze es heute noch.“

Unser Gespräch ist sprunghaft, immer wieder unterbrochen vom Schrillen der Telephone, vom Kommen und Gehen der Besucher mit Fragen oder Bitten an den 1. Vorsitzenden des Verbandes Bayerischer Kunst- und Antiquitätenhändler e.V. Fast die Hälfte des Zimmers, in dem wir sitzen, wird von einer Eckbank mit einem großen Tisch davor eingenommen, so wie man sie in bayerischen Wirtsstuben findet; an den Wänden stapeln sich Kataloge, ein Schreibmaschinentisch rechtfertigt das handgemalte Pappschild an der Tür: „Messe-Büro.“

Es ist das zehntemal, daß Johannes Keller die Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse in München organisiert. Und der Jubilar verhehlt nicht seinen Stolz auf dieses Jubiläum. Manches hat sich in diesen zehn Jahren verdoppelt: Statt der 22 000 Besucher schoben sich diesmal fast 45 000 Menschen durch die engen Korridore zwischen den zimmergroßen Ausstellungsboxen, deren Zahl sich von 55 auf 103 erhöht hat. Doch der Umsatz hat sich etwa verfünffacht; er dürfte in diesem Jahr rund 12 Millionen Mark betragen haben.

Kellers Lebenslauf ist eine kleine Geschichte des Kunst- und Antiquitätenhandels der letzten Epoche. An seinem 21. Geburtstag eröffnete der Sohn eines Künstlerehepaars – Vater wie Mutter waren Maler im kunstsinnigen München – sein Antiquitätengeschäft. „Es war eine bessere Trödelei.“

Damals war die erste Blütezeit des Antiquitätenhandels schon Vergangenheit; die Zeit, in der die neuen Industriebarone ihre hochherrschaftlichen Villen mit alten Möbeln, kostbarem Hausrat, wertvollem Porzellan und Silber ausstatteten.

In Kellers Anfangsjahre fiel die Inflation. Und dann kamen jene Jahre, die man gemeinhin die „Goldenen Zwanziger“ nennt. „Glauben Sie mir“, sagt der Weißhaarige, „die goldenen Zwanziger waren gar nicht so golden, wie man heute immer denkt. Jedenfalls nicht für uns.“ Der Antiquitätenhandel machte damals harte Zeiten durch. „Ich habe meiner Frau fünf Mark Wirtschaftsgeld am Tag gegeben. Mehr hatte ich einfach nicht.“