Wir können von den USA eine offensive Politik verlangen!" rief der CSU-Abgeordnete zu Guttenberg, und sein SPD-Kollege Jaksch schwächte das durch einen Zwischenruf nur wenig ab: "Sagen wir: erwarten!"

Diese Sätze fielen am letzten Tag eines "Internationalen Symposions" im Westberliner Europa-Haus. Was Guttenberg unter "offensiver Politik" verstanden wissen will, sagte er indes nicht so deutlich wie das, was er damit nicht meint und nicht will. Nämlich: kein weiteres sowjetisch-amerikanisches Atomarrangement, keine "modischen" Ostkontakte oder gar Annäherung in der Hoffnung auf Wandlung, vor allem auch keine eigenen deutschen ostpolitischen Initiativen. Nur kulturellen Austausch, Tourismus und "normalen" Handel will er hinnehmen. Hinter allem anderen sehen Guttenberg und seine Freunde eine "Hinnahme der deutschen Teilung" auftauchen; wer von unseren Verbündeten solches fördere, empfehle uns damit, das Bündnis mit dem Westen zu verlassen.

"Wir drohen nicht, wir warnen!" sagte Guttenberg. Er mußte sich dann allerdings von Professor Zbigniew Brzezinski, dem amerikanischen Ostexperten, sagen lassen, daß der subtile Unterschied zwischen Warnung und Drohung bei häufiger Wiederholung leicht dahinschwindet.

Wer Guttenberg zuhörte, fragte sich, ob die deutschen "Gaullisten" einem de Gaulle, der gerade in Moskau vorfühlen ließ, wohl ähnliche Warnungen zugedacht haben. Aber der Name des Generals fiel nicht. Auch Brzezinski erwähnte ihn nicht, obschon der Amerikaner sein für einen Brückenschlag zwischen Westeuropa und Osteuropa (den ZEIT-Lesern bekanntes) Programm entwickelte, das zumindest zur Ostpolitik des französischen Präsidenten in keinem Widerspruch steht. "Im ungeteilten Europa ist ein geteiltes Deutschland unmöglich", sagte Brzezinski und empfahl, durch Beendigung des kalten Krieges, durch friedliches Engagement, vor allem durch Einbeziehung Osteuropas in multilaterale Abkommen die Evolution im Osten zu fördern, "den Status quo zu überwinden, indem wir mit dem Status quo anfangen".

Die DDR will Brzezinski davon freilich ausnehmen; sie soll isoliert werden, da sie als Teilgebilde zur "nationalen Evolution unfähig" sei. An diesem Punkt der Brzezinski-Thesen setzte nun Guttenberg an: es sei weder logisch noch praktikabel, die DDR von einer solchen Annäherungspolitik auszuschließen. Eben deshalb aber sei diese ganze Politik gefährlich, schädlich für die Sache der deutschen Einheit, die – laut Guttenberg – "nur Resultat der deutschen Freiheit, das heißt des Endes der kommunistischen Herrschaft sein kann". Alles oder nichts, ist also seine Devise.

Wie sehr solches Schwarz-Weiß-Denken in die Sackgasse führt, demonstrierte der italienische Professor Altiero Spinelli. Auch er glaubt nicht, daß man die DDR von westlicher Ostpolitik ausschließen kann und soll, er meint sogar, daß die Anerkennung der DDR die sichere Konsequenz sei – und damit das Begräbnis der Wiedervereinigung. Es klang fatal, wie Spinelli Guttenbergs Kurzschlüsse zu Ende führte, gerade indem er Guttenberg widersprach: atlantische, europäische Politik könne, wolle und dürfe gar nicht die Wiedervereinigungs Deutschlands bringen. Wiedervereinigung und westliche Bindung der Bundesrepublik schlössen eben einander aus.

"Wenn das stimmt", antwortete Guttenberg erregt, "dann wird die Logik eine Abwendung der Bundesrepublik vom Kurs der europäischen Einigung sein. Ich warne davor, den Deutschen heute zu sagen, daß die Entscheidung für den Westen eine Entscheidung gegen die Wiedervereinigung war."