Das Ergebnis der kanadischen Parlamentswahlen ist für viele Kanadier eine Enttäuschung. Enttäuscht ist vor allem der bisherige Regierungschef Lester Pearson. Er hatte gehofft, bei den Wahlen eine absolute Mehrheit für die von ihm geführte Liberale Partei zu erhalten, nachdem er seit zweieinhalb Jahren mit einer Koalition regiert. Die Liberalen haben zwar ihre Abgeordnetenzahl von 127 auf 129 erhöhen können und sind nach wie vor die stärkste Partei im Parlament, doch zur absoluten Mehrheit fehlen ihnen noch immer vier Sitze. Die Oppositionspartei der Konservativen konnte ihre Abgeordnetenzahl sogar von 92 auf 99 erhöhen, aber auch hier reichte es nicht zu einer Machtverschiebung.

Enttäuscht ist auch die kanadische Bevölkerung. Die Kanadier sind der Wahlen allmählich satt. Kanada hat in den letzten acht Jahren fünfmal gewählt, jedesmal in der Hoffnung, daß eine der beiden großen Parteien – Liberale oder Konservative – die absolute Mehrheit erhielte und damit in der Lage wäre, eine von Koalitionen unabhängige, dauerhafte Regierung zu bilden. Nun hat sich die Hoffnung wieder nicht erfüllt. Abermals sind die Liberalen auf eine Koalition mit einer der kleineren Parteien angewiesen.

Ein wenig enttäuscht ist schließlich wohl auch die politische Weltöffentlichkeit. Denn der Führer der kanadischen Liberalen und bisherige Regierungschef, Lester Pearson, genießt als Diplomat und als Vorkämpfer für die UNO besonders hohes Ansehen und ist seit Nehrus Tod bei internationalen Krisen vermutlich der beste „ehrliche Makler“, den es heute gibt. Er wird sicherlich auch die nächste Regierung bilden, aber eine stabilere Mehrheit hätte ihm seine Tätigkeit auf dem internationalen Feld zweifellos erleichtert.

Für einen Ausländer ist das Ergebnis der Wahlen übrigens nicht ganz leicht zu verstehen. Lester Pearson hat nach den zweieinhalb Jahren seiner bisherigen Amtsführung recht eindrucksvolle Erfolge aufzuweisen. Auf wirtschaftlichem Gebiet haben steigende Produktion, wachsende Gewinne und sinkende Arbeitslosigkeit dazu geführt, daß man bereits von einem kanadischen „Wirtschaftswunder“ spricht. Und in der Politik ist es Pearson gelungen, nicht nur die vor wenigen Jahren noch sehr akute Gefahr einer Absplitterung der französischsprechenden Provinz Quebec zu verringern, sondern gleichzeitig die Fundamente für ein bisher fehlendes gesundes kanadisches Nationalbewußtsein zu legen.

Trotzdem hat ihm die Bevölkerung die erhoffte Mehrheit versagt. Eine Erklärung liegt vermutlich darin, daß Pearson mit Vorliebe auf außenpolitischem Gebiet tätig wird, während sich die Masse der Kanadier für die Außenpolitik nach wie vor kaum interessiert. Hinzu kommt – ähnlich wie in der Bundesrepublik – der Wohlstand. Wenn es den Menschen so gut geht wie bisher, neigen sie leicht dazu, die Dinge so zu lassen, wie sie sind. Das hat nun auch der erfolgreiche kanadische Regierungschef zu spüren bekommen. Peter Grubbe