Kein Zweifel, es ist sträflich vernachlässigt worden, und keine Zweifel, es bedarf der Ehrenrettung: das Kartenspiel. Seine Spannweite ist sehr groß; sie reicht vom kindlichen „Schwarzen Peter“ bis zur Magie, der Zauberei und der Wahrsagekunst. Was dazwischen liegt, beschäftigt einen großen Teil der Menschheit. Sie pflegt mindestens die primitiven Formen des Kartenglücksspiels, von denen man sagt, sie kämen unmittelbar vor dem Stehlen. „Siebzehn und vier“ ist eines davon, nicht umsonst verboten, trotzdem allenthalben praktiziert. Das Ergebnis sind phantastische Schuldscheine auf phantastische Summen, „zahlbar nach dem Endsieg“, wie es auf den „Dokumenten“ gelegentlich zynisch-ironisch vermerkt wird.

Jedoch, obwohl man jegliches Kartenspiel mit jeglichen Spielkarten spielen könnte – sogar „Quartett“, freilich ohne den pädagogischen Nebenzweck –, tun Spieler solches nur im äußersten Notfall. Skat mit bayerischen Karten? Unmöglich! Schafskopf mit einem französischen Blatt? Nein! Es scheiden sich also die Geister an Kreuz-Pik-Herz-Karo und Eichel-Grün-Herz-Schellen. Jene haben sowohl die Welt als auch die besseren Kreise erobert mit Skat, Poker, Rommé, Bridge, Canasta, Whist und Patience; diese behaupten mit Schafskopf, Tarock und Watten unverdrossen die Heimat (bayerisches, fränkisches, württembergisches Bild), auch wenn sie sehr ferne ist (schlesisches, sudetendeutsches Blatt).

Alle diese Kartenspieler versorgt F. X. Schmid-München in Preislagen von 1,90 bis 15,30 Mark je nach Ausführung. Für den ausgefallenen Geschmack hält der Verlag nochmanches bereit: italienische Bilder (Carte Napoletane), etliche Sortimente Zauberkarten, „Sexy Girls“ und „Baby Dolls“ (nur für Erwachsene) und – erstaunlicherweise steuerfrei – die hellsichtigen Pakete der Wahrsagerin Lenormand, die weiland den Sturz Napoleons prophezeite, was, wie man sieht, ihr Renommee bis auf den heutigen Tag frisch erhalten hat.

Der besondere Vorteil des Kartenspiels ist sein kleines Format: notfalls findet es in der Hosentasche Platz. Dies mag Spiele-Erfinder bewogen haben, in dieser Branche zu arbeiten, mit Erfolg, wie „Favorit“ und „1000 Kilometer“ (DIE ZEIT Nr. 15 und 23) beweisen. Es gibt sogar ein Versicherungsspiel mit Karten, in dem reihum ein „Unternehmer“ gegen diverse „Versicherer“ spielt. Wer dabei gewinnt, entscheidet das „Jahr“ (gleich einer Spielrunde) mit mehr oder weniger gut oder schlecht versicherten Schadensfällen („Wer trägt das Risiko?“ bei F. X. Schmid-München).

Aus Amerika kam nun ein ganz neues Kartenspiel zu uns. Es ist von einer verblüffenden Primitivität, denn die sechzig Karten tragen lediglich die Zahlen von 1 bis 60. Es heißt

„Radio“; Otto Maier Verlag, Ravensburg; Schachtel mit 60 Karten und vier Kartenhaltern; Nr. 16 509, für zwei bis vier Personen; 6,80 DM.

Jeder Teilnehmer bekommt ein Gestell, auf dem in Schlitzen zehn Karten Platz haben. Von diesem Ständer hat das, Spiel seinen Namen. Nachzulesen im Cassell’s unter „rack“. Dort steht auch, daß das entsprechende Verbum foltern, quälen, martern bedeutet. Auch das hat mit dem Spiel zu tun. Man muß nämlich die Karten der Reihe nach, wie man sie kriegt, sofort in die Schlitze stecken. Da stehen sie nun, unsortiert, wie sie sind, und harren der Ordnung. Die ist nur so herzustellen, indem man eine vom Gegner abgelegte, offene Karte nimmt, oder, will sie nicht passen, eine vom verdeckten Talon, um sie gegen eine im Halter auszuwechseln. Laufen schließlich alle Nummern von unten an (wie, ist egal) beendet man das Spiel mit dem Ruf „Racko“! Das ist alles, doch manchmal eine rechte Schinderei.