Von Horst Hachmann

Im 38. Stockwerk des Hochhauses gegenüber Montreals feudalstem Hotel, „Queen Elizabeth“, hat sich der Gehirntrust eines Riesenunternehmens etabliert, das Kanada in knapp eineinhalb Jahren ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit bringen will. Hier residieren der Generaldirektor und die Mitarbeiter der „Expo 67“, der kommenden Weltausstellung. Blickt man dort aus dem Fenster, erkennt man unter dem Horizont das silberne Band des St.-Lorenz-Stromes mit den modernen Brücken. Blickt man genauer hin, erkennt man zwei öde Inseln, die mitten im Strom liegen. Diese beiden Inseln sind der Stolz von ganz Montreal.

Mitten im Fluß hat Kanada seit einigen Jahren die größte Baustelle auf dem nordamerikanischen Kontinent installiert. Hier wuchsen jene beiden Inseln aus dem Strom, die „Ile Notre Dame“ und „St. Helen’s Island“, die in zwei Jahren das Zentrum der Weltausstellung sein werden. Millionen Lastwagen- und Schiffsladungen Steine und Schotter wurden in den Strom geschüttet und befestigt, künstliche Seen und Hügel wurden angelegt. Kühne Brücken verbinden die Inseln mit dem Festland, darunter die „Brücke der Nationen“, die mit über 700 Meter Länge als längste freitragende Konstruktion in der Welt gilt. Super-Highways sollen kürzeste Verbindungswege zwischen Montreal und der nordamerikanischen Ostküste herstellen, Ozeandampfer werden ihre Passagiere in unmittelbarer Nähe des Ausstellungsgeländes an Land setzen und anschließend als schwimmende Hotels dienen. Die beiden Inseln haben die Stadt Montreal 40 Millionen Dollar gekostet. Millionenbeträge wird auch die U-Bahn verschlingen, die von der Stadt direkt zum Ausstellungsgelände führen soll.

In der Zentrale ist man bereits recht stolz. Schließlich hat das Pariser „Bureau International des Exhibitions“ die geplante Weltausstellung in die erste Kategorie internationaler Ausstellungen eingereiht. Vor Montreal war dieses Prädikat zuletzt Brüssel zuerkannt worden. Im Rechenschaftsbericht stehen die beiden künstlichen Inseln an erster Stelle. 22 Millionen Tonnen Steine und Erdmassen schufen das Terrain. Monumentales Kunstgebilde ist ein Betonsymbol: „Expo 67.“ Die Ausstellungsleitung erinnert in aller Bescheidenheit: Die Cheops-Pyramide, in zwanzig Jahren von mehr als 100 000 Sklaven errichtet, umfangreichstes, jemals von Menschenhand erbautes Monument, benötigte nicht einmal ein Drittel des bisher in Montreal verbrauchten Materials.

56 Nationen haben bisher ihre Teilnahme fest zugesagt. Die Pavillons von Kanada, den USA und der Sowjetunion werden die aufwendigsten sein. Zu den „großen Ausstellern“ zählt auch die Bundesrepublik Deutschland, die immerhin neun Millionen Dollar anlegen will. Die Standplätze der Länderpavillons sind bereits festgelegt. Die Vereinigten Staaten und Rußland liegen einander gegenüber, jedoch auf verschiedenen Inseln. Überraschend groß ist die Zahl der Nationen aus Asien und Afrika.

„Das Leben in unserer Zeit“ – so lautet das Ausstellungsmotto. Pierre Dupuy, der Generaldirektor der Weltausstellung, will, daß allein der Mensch und seine Leistung dieses Schaufenster des Erdballs attraktiv machen. Vier Unterthemen wurden dabei gestellt: „Der Mensch als Forscher – Der Mensch als Schöpfer – Der Mensch als Produzent – Der Mensch in der Gemeinschaft.“ Die Revue der Superlative soll sowohl die Leistung in der Vergangenheit beschwören als auch den Blick auf die nächsten zwanzig Jahre öffnen.

Die Übersicht über Teilnahme und Planung läßt darauf schließen, daß die „Expo 67“ die größte Weltausstellung aller Zeiten werden wird. Man erwartet 30 Millionen Menschen aus allen Teilen der Erde. Auf dem Ausstellungsgelände wird ein Bahnhof gebaut, ferner Parkplätze für 20 000 Wagen sowie eine Einschienenbahn.