Zuerst ist man nur betroffen von dem häßlichen Deutsch und forscht auf dem Titelblatt sowie in der Vorbemerkung nach dem Namen des Menschen, der einen Satz hinschreiben konnte wie diesen: Die Meerbezogenheit Griechenlands findet zahlenmäßig Ausdruck in einer Küstenlänge von 15 000 km ... So steht’s bei Grieben.

Grieben-Reiseführer, Band 278: „Griechisches Festland“; Karl Thiemig AG, München; 284 Seiten. 6,80 Mark.

Der Verfasser hat es vorgezogen, anonym zu bleiben, was man gut verstehen kann. Dafür bekennen sich, man sollte nachgerade denken, sie wissen nicht, was sie tun, der Schriftsteller Gaitanides und der Studienprofessor Funk zum Werk der Bearbeitung. Die professionellen Hüter der deutschen Sprache lassen die Frage, was Bearbeiter denn eigentlich so bearbeiten, naheliegend erscheinen. Denn wenn sie sich schon nicht entschließen können, die Texte zu redigieren, sollten sie sich wenigstens nicht zu schade sein, der Vollzähligkeit, dem angemessenen Umfang und dem Wahrheitsgehalt der Informationen Aufmerksamkeit zu schenken. Offenbar darf man aber ihre Bemühungen nicht am Maßstab der Wirklichkeit messen und nicht mit dem Reiseführer auch wirklich auf Reisen gehen, weil sich sonst dem häßlichen Deutsch alsbald, auf der Seite des Lesers, häßlicher Argwohn beigesellt.

Gewiß: Jede Vollzähligkeit, und schon gar die eines Reiseführers, erschöpft, sich in Annäherungswerten. Man kann sogar so weit gehen zu unterstellen, daß der eilige Besucher wirklich nichts vom mythischen Eingang zum Totenreich am Kap Tänaron wissen will, nichts vom Wasserfall des Styx im Chelmos-Gebirge, nichts von Eleutherä, dem Geburtsort des Diogenes, und nichts von Velestino und dem Grab des ermordeten Freiheitsdichters Rhigas Pheraios. Schön und gut. Aber keine noch so große Verachtung des touristischen Massenkonsums und kein Selbstbetrug rechtfertigen die Vergeßlichkeit (oder Ignoranz) bei Trözen, dem Schauplatz der Phädra-Tragödie, Midea, der Heimat von Alkmene, der Mutter des Herakles, Kolonos, dem Olivenhain des Akademos, Zuflucht des Ödipus und Unterrichtsstätte Platos.

Noch peinlicher ist die deklassierende Erwähnung von Lerna (unter Ausflüge), wo Herakles die lernäische Schlange erschlug, ein Ausgrabungsgebiet mit Häuserfundamenten aus der Steinzeit bis zur mykenischen Epoche sowie Überresten eines Palastes der ersten helladischen Epoche. Ebenso summarisch (unter Ausflüge) wird das Kloster Megaspileon abgehandelt. Dies aber war das berühmteste Kloster des lateinischen Griechenlands mit Grundstücksbesitz in Konstantinopel und Smyrna. Das Kap Sounion wird zwar verschiedentlich genannt, doch steht da einfach: Sunion, Poseidontempel; das ist alles. Kein Wort von seiner Heiligkeit und Historie, von seiner Schönheit und Architektur. Sounion am Ende von Attika war der Mont-Saint-Michel des griechischen Altertums. Zuletzt Volos. Die Stadt wird erwähnt, auch Geschichtliches und einige Sehenswürdigkeiten; die wichtigste Sehenswürdigkeit aber fehlt: das Museum mit der bedeutendsten Sammlung griechischer Malereien.

Bliebe zu hoffen, daß in dem neuen Führer durch das griechische Festland einmal die landläufigen Irrtümer und Fehler ausgemerzt sind. Aber ach, die letzte Enttäuschung: Sie sind alle wieder da! Zum Beispiel, daß Französisch die meistverbreitete Fremdsprache sei. (Englisch ist’s heute.) Zum Beispiel, daß Retzina, der geharzte Wein, nicht trunken mache. (Wieso, zum Teufel, nicht? Das Weinfest zu Daphni ist eine ärgerliche Demonstration des Gegenteils.) Na und zum Beispiel, daß die deutsche Buchhandlung in Athen, Kauffmann mit Namen, in der Odos Stadiou zu finden sei. (Sie ist, um die Ecke, in der Odos Omirou, und der Inhaber heißt Athanassopoulos.)

Was Bearbeiter halt so bearbeiten!

Leider ist Grieben unter den deutschen Reiseführen nichts als ein schwarzer Rabe und weiß eben auch nicht mehr als das, was ein anonymer Verfasser beim anonymen andern abschreibt. Sie alle haben sich vom Ungestüm der Reisewelle nur zu gern und leider allzu geschwind hinaustragen lassen. Verglichen mit französischen Guides, dem Michelin etwa oder den Guides Bleus, sind sie powere Verwandte aus der Provinz. Wolf gang Boller