Als in der vergangenen Woche der Börsenpessimismus kaum noch zu übertreffen war, machte eine deutsche Großbank den als gelungen zu bezeichnenden Versuch, das gefährlich gewordene Tempo der Abwärtsbewegung deutscher Aktienkurse zu bremsen. Sie nahm gezielte Käufe vor und veranlaßte einige größere Kunden sowie die von ihr beeinflußten Investment-Fonds ebenfalls zum Aktienerwerb. Zusammen reichte das aus, um das Angebot an Aktien zu absorbieren.

Erst mit einiger Verzögerung merkten die Baisse-Spekulanten, was die Stunde in den Börsensälen geschlagen hatte. In Erwartung einer weiter anhaltenden Abwärtsbewegung hatten sie sogenannte Leerverkäufe vorgenommen, das heißt, Aktien abgestoßen, die sie gar nicht in ihrem Besitz hatten, von denen sie aber hofften, sie unter den Verkaufspreisen zurückerwerben zu können. Die Kursstützungsaktion machte diese Pläne zunichte. Die Spekulation, zur Lieferung der veräußerten Papiere verpflichtet, mußte sich zu kräftig steigenden Kursen mit Verlust eindecken.

In diese Situation platzte die – wenn auch nur vorübergehende – Senkung der Mindestreserven hinein. Da manche Leute diesen Schritt vorschnell als eine „Wende in der Kreditpolitik“ ansahen, gab es noch einmal eine neue Kaufwelle, so daß sich die Kurse innerhalb weniger Tage kräftig erholten. Inzwischen ist in die Börsensäle eine gesunde Ernüchterung eingekehrt. Die Kurse haben sich auf dem erhöhten Niveau konsolidiert. Immerhin sehen die Banken dem Jahresultimo jetzt beruhigter entgegen, denn Geldbeschaffungsverkäufe zur Beschaffung zusätzlicher Liquidität brauchen vorläufig kaum vorgenommen zu werden. Denn einmal hat die Mindestreservensenkung den Kreditinstituten bis zum 31. Dezember 1965 einige „Luft“ verschafft, zum anderen boten die kräftigen Kurssteigerungen in ihrer Endphase eine willkommene Möglichkeit, sich von dem Material mit Gewinn zu entlasten, das aus Gründen der Marktpflege billig hereingenommen worden war. Insofern sind die Banken für die kommenden Wochen gut gerüstet.

Aber die Börse ist damit nicht frei von Sorgen. Der Ausgleich des Bundesetats ist Gegenstand neuer Befürchtungen. Pessimisten behaupten, daß sich Bundesregierung und Bundestag letzten Endes eher zu Steuererhöhungen entschließen werden, als den Interessentengruppen durch Abstriche an den Subventionen weh zu tun. Weiter sieht man die Gefahr einer Überbeanspruchung, des Kapitalmarktes durch die öffentliche Hand noch keineswegs als gebannt an. Unter diesen Umständen sehen die „potenten“ Anleger, also vor allem die Kapitalsammelstellen, noch keinen Grund, sich zu jedem Preis am Aktien- und Rentenmarkt zu engagieren. Gekauft wird nur zu wirklich niedrigen Kursen, wie die Erfahrungen der vergangenen Woche gelehrt haben. K. W.