Wenn die Konjunkturexperten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin-Dahlem recht behalten, wird das Jahr 1966 mehr Unruhe für das Wirtschaftsleben bringen. Gewiß, die Voraussagen mit einer Zuwachsrate von acht Prozent für das Bruttosozialprodukt – in diesem Jahr sollen es 8,8 Prozent werden – klingen zunächst optimistisch. Auch die Annahme, daß sich der „Inflationsfaktor“, also der nur auf Preissteigerungen zurückzuführende Anteil der Zuwachsrate, von der gefährlichen Höhe von 3,7 Prozent auf möglicherweise 3,4 Prozent wieder etwas verringert, erscheint beruhigend. Die Konjunkturforscher sehen jedoch eine besondere Gefahr auf uns zukommen: das Jahr 1966 ist streikgefährdet. Und die Produktion kann nur steigen, wenn es nicht zu gravierenden Lohnkonflikten kommt.

Bei den derzeitigen Gewinnen der Wirtschaft werde die Einigungsformel des letzten Jahres, nämlich „Produktivitätssteigerung plus Preissteigerung = Lohnerhöhung“ nicht mehr akzeptiert werden. Die Gewinnmarge ist zu knapp. Auf der anderen Seite haben auch die Gewerkschaften nicht zuletzt wegen der Preissteigerungen nicht mehr viel Bewegungsfreiheit in den Verhandlungen nach unten.

Der Zeigefinger ist erhoben. Keiner von denen, die in der Verantwortung stehen, soll später sagen können, man habe nicht mit Streiks gerechnet. Die ökonomischen Daten deuten auf Konflikt. wp