HOCHZEIT

Von Elias Canetti

Braunschweiger Staatstheater, Großes Haus

Wenn eine Uraufführung einen Theaterskandal hervorruft, so kann das ein Zeichen von Lebendigkeit sein. In Braunschweig ist der sechzigjährige Elias Canetti zum zweitenmal innerhalb eines Jahres auf massiven Publikumswiderstand gestoßen – im Februar bei der deutschen Erstaufführung seiner „Komödie der Eitelkeit“ (aus dem Jahre 1950), jetzt bei der Uraufführung des Schauspiels „Hochzeit“, das seit 1932 keine Bühne gefunden hatte.

Der junge, aus Wien über Köln und Salzburg nach Braunschweig gelangte Generalintendant Helmut Matiasek will Canetti auch auf der Bühne durchsetzen, nachdem der in Bulgarien geborene Autor, der lange in Wien gelebt hatte, bevor er nach London emigrierte, sich für das Thema seiner Bühnenwerke durch den Roman „Die Blendung“ (1935) legitimierte. Aber die Braunschweiger Initiative ist mißlungen.

Einer der Gründe ist in Canettis dramaturgischem Ungeschick zu suchen. Zwar versteht er, Dialoge für die Bühne zu schreiben. Aber dramatisch ist er seinem eigenen Anspruch nicht gewachsen. Ein Haus wird gezeigt, dessen alte Besitzerin in mehreren simultanen Vorspielen von Erbschleichern umgarnt wird. In der Beletage feiert Oberbaurat Segenreichs Tochter großspurig Hochzeit. Doch im zweiten Teil des Hauptaktes wird grausige Wirklichkeit, was als Gesellschaftsspiel angezettelt worden war: Ein Erdbeben verschlingt das Haus, und jeder soll sagen, was er als sein Liebstes retten möchte. Da stimmen die Paare keineswegs mehr so zusammen, wie sie in bürgerlicher Formation als Hochzeitsgesellschaft an der Festtafel gesessen hatten. Promiskuität der Gäste und der Brautleute – makabre Praxis, einen Ehebeginn zu feiern – hatte das schon vorher deutlich gemacht. (Einige allzu derbe Lüsternheitsäußerungen lösten dabei die Abwehrreaktion des Premierenpublikums aus.)

Canetti erzählt, er habe dieses Stück um einen einzigen, von ihm einmal in Wien aufgefangenen Satz herum geschrieben. Er zeugt von einer Art Mystik der Geschlechtsliebe, der vom Autor in aller Breite die Perversion in sexuelle Besitzgier gegenübergestellt wird. Das Ganze ist als Symbol eines Untergangs aufzufassen. Dramatisch evident wird dieser verborgene Sinn jedoch nicht, und der Braunschweiger Regisseur Alexander Wagner tat ein übriges, um nach schauspielerisch vielversprechendem Anfang die Apokalypse Canettis in Obszönität, Geschrei und unbeherrschter Bühnentechnik stranden zu lassen.

Die Braunschweiger Falschmünzerei wird allmählich bedenklich. Ob eine politische Farce von Boris Vian oder ungeformte Bühnenwerke von Erzählern (wie Jakov Lind oder Canetti) herausgestellt werden, hinter diesen „Experimenten“ steht keine Theaterkraft, die so problematische Stücke (außer im Programmheft) überzeugend zu interpretieren vermag. Die Fehlinszenierungen häufen sich. Johannes Jacobi