Von Thomas v. Randow

Auch die Wissenschaft kreiert zuweilen Moden. Newtons grandiose Mathematisierung der Physik ließ nicht nur Naturwissenschaftler aufhorchen. Plötzlich verlangten auch die Psychologen, die Philosophen, ja sogar die Astrologen nach einer exakten Formelsprache. Freuds unbeabsichtigte Modeschöpfung tobte sich mehr auf literarischem Gebiet und in der bildenden Kunst aus. Heute im „Kybernetik“ modern und damit zugleich ihr mathematisches Gerüst, die Informationstheorie.

Es muß ja auch faszinierend wirken, daß es jetzt offenbar gelungen ist, den Motor des Lebens und die Essenz des spezifisch Menschlichen, die Information, mathematisch zu beschreiben und zu bewerten. Das geht schließlich alle an, den Genetiker, der sich darum bemüht zu entdecken, wie die Erbinformationen von Zelle zu Zelle und von Generation zu Generation weitergegeben werden, den Werbefachmann, der darauf bedacht ist, seine Reklamesprüche in unsere Gehirne einzuhämmern, den Naturwissenschaftler, der von seinen Experimenten und Meßergebnissen informiert wird, den Abwehrdienst, der Geheimschriften entschlüsseln will, den Pädagogen, den Psychologen, den Journalisten ... Alles was uns bewegt ist Information, das Kunstwerk, ein Angstschrei, ein Plakat, Geruch, Gestik, das Glückwunschtelegramm, Schmerz, das Licht eines Sternes, die Halluzination eines Schizophrenen, die Meldung in einer Zeitung, das Augenzwinkern...

So ist es denn auch nicht verwunderlich, daß Informationstheorie „im Gespräch“ ist. Kein Autor eines technischen oder wissenschaftlichen Sachbuches würde darauf verzichten, diese moderne Theorie zu erwähnen. Und wir erfahren aus Büchern und Zeitungsartikeln, daß Militärs die Informationstheorie benutzten, um damit ihre strategischen Probleme zu lösen, daß man mit Informationstheorie den Prozeß des Lernens erhellen könne oder daß informationstheoretische Berechnungen zur Entzifferung archaischer Schriften sowie des genetischen Codes geführt hätten. Unternehmensberater versichern ihren Kunden, sie könnten mit informationstheoretischen Methoden verkorkste Betriebe sanieren, und zahllos sind die Abhandlungen über informationstheoretische Psychologie, Pädagogik oder gar Ästhetik.

Nur eines fehlte bis vor kurzem, jedenfalls in deutscher Sprache: ein Buch, das dem Nichtmathematiker sachkundig erklärt, was denn Informationstheorie eigentlich sei, wo ihre Möglichkeiten und insbesondere ihre so oft mißachteten Grenzen liegen. Dieses Buch ist jetzt endlich erschienen:

John R. Pierce: „Phänomene der Kommunikation“, Informationstheorie – Nachrichtenübertragung – Kybernetik; Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien; 338 S., 20,– DM.

Pierce ist Fachmann. Er hat die Entwicklung der Informationstheorie nahezu seit ihrer Geburt im Jahre 1948 miterlebt und sehr viel zu ihrer Erweiterung beigetragen. Was Pierce schreibt, basiert also auf solider Kenntnis der Materie. Er war Schüler von Claude Shannon der mit der Veröffentlichung seines „klassischen“ Buches „Mathematical Theory of Communication“ die Grundlagen zur Mathematik des Informationsprozesses schuf. Pierce rückt die Dinge ins rechte Licht, wobei freilich viele Phantasien über die Anwendbarkeit des Kalküls im Schatten verschwinden. Vor allem aber gelingt es dem amerikanischen Mathematiker, die Theorie und ihre Implikationen jedem klarzumachen, der bereit ist, während des Lesens ein wenig mitzuarbeiten. Diese Mitarbeit ist allerdings erforderlich, aber sie dürfte niemandem schwerfallen, im Gegenteil, der Autor versteht es, dem Leser die nicht allzu komplizierten mathematischen Voraussetzungen zum Verständnis der Theorie in amüsanter Form darzubieten. Wer die primitivsten Regeln der Arithmetik vergessen haben sollte, für den ist ein hilfreicherer Anhang beigefügt.