Von Hang von Kuenheim

Er ist Schaustück und Bürgermeister in einer Person; er muß als Beweis für die Gleichberechtigung der Rassen herhalten und für die Aufrichtigkeit portugiesischer Afrika-Politik: Pedro Baessa, der 62jährige, freundliche Afrikaner mit dem nervösen Augenleiden, Herr über 100 000 Bewohner von Nampula, einer aufstrebenden Industriestadt im Norden von Mozambique, erfreut sich des Wohlwollens des greisen Salazar in Lissabon. Die weißen Bürger seiner Stadt schlagen ihm leutselig auf die Schulter, animieren ihn hin und wieder zu einem Schlückchen Cognac und drücken ihm dicke Zigarren in die Hand. „Ja, die Probleme hier sind groß.“ Bürgermeister Baessa begnügt sich mit Allgemeinplätzen, er weicht einem politischen Gespräch verbindlich aus und entläßt seine Besucher mit einem artigen Toast. Ein Paradeneger, wie böse Zungen behaupten?

Der afrikanische Rendant auf einer deutschen Sisalfarm macht gehorsam seinen Bückling und wird stolz von den Portugiesen als Mitglied eines parlamentarischen Rates vorgestellt. „Lassen Sie sich nichts vormachen!“ Leise und vorsichtig wurde mir der Rat erteilt. Dieser Afrikaner war der zweite und letzte Einheimische in Mozambique, der als Demonstrationsobjekt portugiesischer Afrika-Politik dem Besucher aus Deutschland die Hand reichen mußte. Immerhin ist Mozambique ein Land, das dreimal so groß ist wie die Bundesrepublik und in dem neben 100 000 Europäern fast sieben Millionen Schwarze leben.

„Nur Geduld, noch sind unsere Schwarzen nicht soweit, verantwortungsvolle Posten zu übernehmen, aber warten Sie ab, eines Tages ist es gut möglich, daß ein Afrikaner Präsident von Portugal wird.“ Kein Portugiese, der dies einem nicht immer wieder zu erklären versuchte.

Tatsache ist – sei es nun in Angola, der portugiesischen Überseeprovinz an der Westküste, oder in Mozambique –, daß Schwarze in gehobenen Positionen eine Seltenheit sind. Ab und zu ist jemand hinter einer Schreibmaschine zu entdecken, gelegentlich auch als Stationsvorsteher und hin und wieder sogar in einer offiziellen Verwaltungsfunktion. In Angolas Hauptstadt Luanda aber sind sogar die Taxichauffeure Weiße.

Es scheint, als ob sich Portugals afrikanische Besitzungen in jenem fünfhundert Jahre langen tiefen Schlaf befunden hätten – seit jenen Tagen, als die Karavellen Vasco da Gamas vor der Insel Mozambique ankerten und die portugiesische Flagge im Dienste Gottes und zu Ehren des Königreiches gehißt wurde. Die ehernen, in Stein gemeißelten Vascos, Heinrichs (des Seefahrers), legendären Militärs und Generalgouverneure aus alten Zeiten wachten über Portugals Souveränität in Afrika. Sie wollten ihren schwarzen Schutzbefohlenen gerechte Väter sein, auch wenn sie den breitkrempigen Tropenhelm trugen und schwere gelbe Stiefel. Sie hatten keine Vorurteile gegenüber der schwarzen Hautfarbe und hofften vielleicht, in Afrika nach dem brasilianischen Modell leben zu können und portugiesische Zivilisation und Kultur im schwarzen Erdteil zu verankern. Es schien gutzugehen bis zum „Afrikanischen Jahr“ 1961. Ehemalige Kolonialmächte – Belgien, Frankreich, England – beugten sich der Forderung, „Afrika den Afrikanern“ zu überlassen und gaben ihre Kolonien frei. Portugal aber gab keinen Fuß Boden preis.

Das Erwachen war heftig. Just an jenem Märztag des Jahres 1961, als der amerikanische Delegierte Adlai Stevenson in den Vereinten Nationen zum erstenmal gegen seinen NATO-Verbündeten stimmte und Portugal wegen seiner afrikanischen Besitzungen in die Schranken forderte, brach im Nordwesten Angolas ein heftiger, blutiger Aufstand aus. Eilig herbeigeschaffte Truppen aus Portugal konnten die Rebellion nur mühsam eindämmen. Noch heute, vier Jahre danach, stehen in Angola rund 45 000, in Mozambique 25 000 Soldaten im Busch auf Wacht.