Von Jürgen Neven-du Mont

Palma di Montechiaro, eine kleine Stadt an der Südküste Siziliens. Una zona sottosviluppata – ein unterentwickeltes Gebiet also. Hier steht die ehemalige Sommerresidenz des Fürsten von Lampedusa, dessen Nachfahre den berühmt gewordenen Roman „Der Leopard“ schrieb. Das Buch schildert das Sizilien jener Zeiten, da Garibaldi 1860 mit seinen tausend Freischärlern bei Marsala landete.

Rund hundert Jahre später hat sich hier im Grunde wenig verändert. Zwar fahren heute Touristen aus aller Welt auf einer modernen Asphaltstraße am Rande von Palma di Montechiaro vorbei. Sie bewundern den malerischen Ort, den dunkelblauen Himmel, die blühenden Mandelbäume, die romantischen Karawanen der Bauern auf ihren dahintrabenden Mauleseln. Sie bewundern die Fassade. Aber das Leben hinter der Fassade, das sehen sie nicht. Sottosviluppato – unterentwickelt, davon erfahren sie nichts; und wenn, allenfalls durch einen Film, der von der Mafia handelt, von Blutrache, entführten Mädchen und abenteuerlichen Gefechten zwischen Carabinieri und Banditen.

Das wirkliche Leben hinter der Fassade Westsiziliens? Nur acht Prozent der Häuser von Palma haben elektrisches Licht. Es gibt keine Kanalisation. In der Mitte der ungepflasterten Straßen fließen die Abwässer als stinkendes Rinnsal dahin. Zerlumpte Kinder spielen im Schlamm, der voller Würmer ist. Die Mauern der Häuser sind feucht, die Dächer undicht. Vier bis zehn Personen leben in einem Raum, oft gemeinsam mit Hühnern, Ziegen und Eseln. Der römische Sozialwissenschaftler Pampilione untersuchte die Backstuben der Stadt, jene dunklen Kammern, in denen die Einwohner ihr Brot backen. Pampilione fand heraus: Männer, Frauen und Kinder schlafen auf Stroh, das man nachts auf den Tischen ausbreitet, auf denen tagsüber der Brotteig geknetet wird. In drei Backstuben sind ohne jede Abtrennung Aborte installiert. Fünf Backstuben haben kein Wasser, fünf keine Fenster. In allen wimmelt es von Flöhen, Wanzen, Mäusen und Ratten. Die meisten Backstubenbewohner sind krank: Von zwanzig leiden vier an Trachom – der ägyptischen Augenkrankheit, die oft zur Blindheit führt –, vier an Typhus und sechs an Maltafieber.

Nur einige Einwohner von Palma di Montechiaro können sich je in ihrem Leben einen neuen Anzug, ein neues Kleid, neue Unterwäsche leisten. Die meisten gehen auf den Markt und suchen sich aus riesigen Stapeln gebrauchter Wäsche das heraus, was ihnen im doppelten Sinne paßt: der Größe und dem Preis nach. Wer in dem Haufen gebrauchter Schuhe ein zueinander gehörendes Paar findet, der schätzt sich glücklich.

Nirgendwo gibt es Industrie. Nur wenige besitzen ein kleines Stück eigenes Land. Viele sind nur Halbpächter. Die Großgrundbesitzer verbringen ihr Leben meist in Palermo, Neapel oder Rom. Sie lassen ihre Güter von Verwaltern bewirtschaften. Diese teilen die großen Ländereien auf und verpachten sie in kleinen Partien von durchschnittlich vier Hektar. Der Pächter muß die Hälfte – nach einem neuen Gesetz ein Drittel – der Ernte an den Verwalter abgeben. Den Rest kann er für sich verwenden oder verkaufen. Käufer aber darf nur der Verwalter sein, und der bestimmt den Preis. Diese Parzellenpächter betreiben eine rückständige Landwirtschaft. Sie bestellen ihre Felder nach den Methoden ihrer Vorväter. Moderne Maschinen sind für sie unerschwinglich. Sie können sich nicht zu Genossenschaften zusammenschließen, denn sie sind nur Bauern auf Zeit. Kaum einer von ihnen weiß, ob sein Pachtvertrag verlängert wird und wovon er später leben soll.

Beim Morgengrauen stehen Hunderte von Arbeitslosen auf der Piazza. Sie unterbieten sich gegenseitig im Stundenlohn, wenn die Verwalter kommen und Tagelöhner suchen.