H. K., Hamburg

Die Vierlanden vor den Toren Hamburgs sind ein reicher Landstrich. Am „Alten Heerweg“, einst ein Teil der Poststraße von Hamburg nach Braunschweig, liegen prächtige alte Bauernhäuser. Morgen für Morgen bringen die Gemüsebauern ihren Kohl und Salat in die Hamburger Markthallen. Inmitten dieser friedlichen, bieder-bäuerlichen Landschaft starben vor gar nicht langer Zeit 55 000 Menschen. Sie verhungerten, wurden ermordet, zu Tode geprügelt, erhängt oder durch Stromschläge getötet. Während des Dritten Reiches stand hier das Konzentrationslager Neuengamme. Ein Name, der nicht wie der von Auschwitz sofort die Erinnerung an furchtbares Grauen hervorruft, an Gaskammern, Rampen, Selektionen. Aber dennoch ein Name, der mit ungezähltem Leid und tausendfachem Tod verbunden ist. Neuengamme war kein Vernichtungslager. Es war mit seinen zahlreichen Außenkommandos ein „Arbeitslager“.

Menschen aus fast allen europäischen Nationen versammelten sich am vergangenen Sonntag auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, um ein neues Mahnmal einzuweihen. Eine hohe granitene Säule, die weit in den Himmel ragt, trägt die Inschrift: „Eure Leiden, Euer Kampf und Euer Tod sollen nicht vergebens sein.“ Dicht daneben steht eine bronzene Figur: ein am Boden liegender, völlig abgemagerter junger Mensch versucht sich mit letzter Kraft aufzurichten. Der Häftling, dem Tode nahe, wehrt sich gegen das Sterben.

Eine kleine Ausstellung in Hamburg zeigt Dokumente des Widerstandes und der Greuel. Sie berichtet davon, wie die Oberen Hamburgs bei Himmler vorstellig wurden, um ein KZ zu bekommen. Die Finanzverwaltung war federführend, denn es war eine Geldfrage. Besorgt fragte ein Hamburger Beamter in Berlin an: „Wer garantiert uns, daß das Lager auch immer vollbesetzt ist?“ Hamburg hatte sich zu gedulden, im Jahr der Olympischen Spiele mußte die Stadt auf die Errichtung eines Konzentrationslagers verzichten. Himmler beschied, zu viele Ausländer würden zur Olympiade auch Hamburg besuchen; ein KZ würde nur unliebsames Aufsehen erregen.

Am 13. Dezember 1938 kamen in Neuengamme hundert Gefangene aus Sachsenhausen an. Im alten Klinkerwerk, vordem jüdischer Besitz, jetzt Eigentum der SS, bildeten sie den Stamm der über 100 000 Häftlinge, die im Lager registriert wurden. Hamburgs Gestapo lieferte dem Lager Widerständler, Kommunisten und Sozialdemokraten. Dazu kamen Polen, Belgier, Holländer, Franzosen und Dänen, die von den deutschen Besatzungsbehörden „angeliefert“ wurden. Auch russische Kriegsgefangene wurden nach Neuengamme geschafft; der erste Transport russischer Offiziere wurde aber gar nicht erst in die Lagerbücher aufgenommen: Sofort nach ihrem Eintreffen wurden sie exekutiert.

„Die Mobilisierung aller Häftlingsarbeitskräfte, zunächst für Rüstungsaufgaben, schiebt sich in den Vordergrund“, heißt es in einem Schreiben, das das SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt im April 1942 an den Kommandanten von Neuengamme schickte. Die umliegenden Industriebetriebe bemühten sich um billige Arbeitskräfte: Blohm und Voss, die Deutsche Werft, die Howaldtswerke, die Borgward-Werke in Bremen. Die Außenkommandos entstanden. Vernichtung durch Arbeit lautete die Parole. Es sollten nicht mehr so viele Häftlinge durch Mißhandlungen sterben. In den Totenbüchern wurde als Todesursache Herzschwäche angegeben; oft lautete der Vermerk auch: „Auf der Flucht erschossen, Brustdurchschuß.“

Noch kurz vor dem Ende, am 14. April 1945, ging ein Funkspruch Himmlers an alle KZ-Kommandanten: „Eine Übergabe kommt nicht in Frage, das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes fallen.“ Auch Neuengamme wurde geräumt. Eine kleine Gruppe von Kindern, die dem Lagerarzt für Tbc-Versuche diente, wurde in den Heizungskeller einer Hamburger Schule geschafft und dort gehängt. Der Arzt überwachte die Prozedur. Zur Belohnung gab es für die KZ-Wächter Schnaps und Zigaretten. Vor den anrückenden Engländern begannen die Todesmärsche; Zehntausend wurden zur Lübecker Bucht geschafft und dort auf verschiedene Schiffe verfrachtet. Fast alle wurden das Opfer englischer Bomber. Die Kapitäne der Schiffe weigerten sich, bis auf einen, die weiße Flagge zu hissen. 7500 fanden in der Ostsee den Tod, wenige Stunden, bevor in Berlin die Kapitulationsurkunde unterzeichnet wurde.