FÜR diejenigen, denen die deutsche Literatur seit 1945 nicht gleichgültig ist, die aber bisher keine Gelegenheit hatten, die Lyrik und die Erzählungen des in der DDR lebenden Dichters Stephan Hermlin kennenzulernen –

Stephan Hermlin: „Gedichte und Prosa“; Quarthefte 8, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 82 S., 5,80 DM.

ES ENTHÄLT siebzehn Gedichte, zwei Erzählungen und – wie alle Quarthefte des Verlags Klaus Wagenbach – sorgfältig bearbeitete biographische und bibliographische Angaben.

ES GEFÄLLT, weil sich Wagenbach auf eine sehr strenge Auswahl aus dem Werk Hermlins beschränkt hat. Nicht nur seine Aufsätze, Polemiken, Vorträge und seine sonstigen essayistischen und publizistischen Arbeiten werden ausgespart, sondern auch diejenigen Gedichte und Erzählungen, die den starken Einfluß der Kulturpolitik der SED erkennen lassen. Daher stammen von den siebzehn hier abgedruckten Gedichten nicht weniger als zwölf aus der Zeit vor der (1947 erfolgten) Übersiedlung Hermlins nach Ostberlin. Auch die beiden Erzählungen – „Die Zeit der Einsamkeit“ und „Arkadien“ – sind in den ersten Nachkriegsjahren entstanden. So bietet Wagenbach zwar eine entschieden einseitige Auswahl, doch ist es tatsächlich die beste Seite des Dichters Stephan Hermlin, die er uns zeigt. Gewiß, auch diese Arbeiten, an denen häufig die Bemühung um den getragenen Tonfall und die erlesene Ausdrucksweise, um das Erhabene und Weihevolle auffällt, geben zu allerlei Bedenken Anlaß. Trotzdem kann, meine ich, kein Zweifel bestehen, daß wir es mit wichtigen Dokumenten der deutschen Literatur zwischen 1945 und 1950 zu tun haben. Daß die Dichtung des jetzt fünfzigjährigen Stephan Hermlin damals ihren Höhepunkt erreicht hat, scheint er selber zu wissen. Denn er hat diese sein Frühwerk in den Vordergrund stellende Auswahl, für die wir Wagenbach dankbar sein dürfen, autorisiert. M. R.-R.