Von Siegfried Schmidt-Joos

Immer wieder hat man in den letzten Jahren die Klage gehört, der Jazz sei zu arriviert geworden, er habe den ungestümen und befreienden Schwung seiner Jugend gegen die gepflegte Langeweile der Konzertsaal – Existenz eingetauscht und sei nicht mehr in der Lage, Skandale zu wecken und zu provozieren. Vom „wohlausprobierten“ Jazz-Klischee und vom Klischee-Jazz war die Rede und von der Notwendigkeit, wieder frisch-fröhlich zu jammen.

Wer vom Jazz den Skandal fordert, kam bei den Berliner Jazztagen 1965 voll auf seine Kosten. Ob ihr künstlerischer Leiter Joachim Ernst Berendt freilich gut beraten war, die Jam Session, das freie und ungehemmte Zusammenspiel der verschiedenen Temperamente, zum Stilprinzip eines ganzen Festivals zu erheben, sei dahingestellt. Selten stand ein Jazzfest unter einem so unglücklichen Stern wie dieses. Alle Unarten der Session feierten fröhliche Urständ.

Tenorsaxophonist Ben Webster, Jazzfreunden als einfallsreicher Improvisator aus dem Ellington-Orchester und zahllosen anderen prominenten Formationen bekannt, eröffnete den als „Tenorsaxophon Workshop“ angekündigten Programmteil in hilflos-lallenden Dialogen mit dem Publikum und zeigte sich später unfähig, sinnvolle musikalische Gedanken zu entwickeln. Er hatte die Inspirationssuche am Whiskyglas weit über die Grenze des dem Publikum Zumutbaren hinausgetrieben.

Was auf seinen Auf- und Abtritt folgte, war eine einzige Kette von Peinlichkeiten. Websters Mitspieler Don Byas und Brew Moore, hinter der Bühne zum Zwecke der Ernüchterung zurechtgewiesen, wahrten den äußeren Schein und mühten sich wacker, ihren Instrumenten mehr als nur Alkohol-Arien zu entlocken. Booker Ervin strapazierte das Publikum mit einem Alleingang auf dem Tenorsax, der vielversprechend kraftvoll begann, dann aber in endlosen Wiederholungen zu tödlicher Monotonie gerann.

Spielte er vierzig Minuten oder nur zweiunddreißig? Dem gleichermaßen empörten wie amüsierten Publikum, das sich durch Buhrufe, lautstarke Kommentare und hektischen Zwischenapplaus Luft machte, erschien es wie eine Ewigkeit.

Dexter Gordon konnte mit seinem schönen, aber gleichfalls zu langen Solo das aus der Balance geratene Konzert nicht mehr retten; Sonny Rollins trug seinen Teil zum allgemeinen Mißvergnügen bei, indem er sein Thema „St. Thomas“ nur anspielte und ohne Variation entschwand.