Jetzt, da die Nebel fallen und die Nächte lang werden, sitzen sie wieder eifrig über ihren kleinen Kostbarkeiten. Da erfreuen sie sich an den bunten Stückchen Papier: die Philatelisten. Sie gehören zu den Stillen im Lande – darum weiß auch niemand, wieviel es von ihnen überhaupt gibt.

Berthold Rychetsky, 2. Vorsitzender des Postwertzeichen-Händler-Verbandes Hessen, macht folgende Rechnung auf: „Echte Sammler mögen an die 2 bis 3 Millionen bei uns vorhanden sein. Gleich groß ist wohl die Zahl der Gelegenheitssammler, die sich nur bestimmte Marken herauspicken. Dann existieren wahrscheinlich noch mehr sogenannte ‚Auch-Sammler‘, die wahllos irgend etwas in ihre Alben stopfen.“ Zusammen dürften es also um die sechs Millionen sein.

Das wäre eine stattliche Zahl – rund jeder zehnte Deutsche würde demnach diese bedruckten Papierstückchen sammeln. „Völlig utopische Zahlen“, kontert Carlo Buerose, Vizepräsident des Bundes Deutscher Philatelisten, „es gibt höchstens 1,3 bis 1,4 Millionen Sammler.“

Ob nun eineinhalb oder sechs Millionen, die Schar der Sammler wächst ständig. „In den letzten Jahren war eine Zunahme um 10 bis 20 Prozent zu registrieren“, räumt Buerose ein. Bei der Versandstelle für Sammlermarken der Deutschen Bundespost in Frankfurt, der größten in Europa, erhöht sich die Zahl der Abonnenten, die kontinuierlich mit allen Neuerscheinungen versorgt werden, monatlich um ungefähr 3000. Es sind bereits 175 000 geworden, hinzu kommen noch die 42 000, die von der Berliner Versandstelle betreut werden. Aus dieser Zahl jedoch auf die Zahl der Sammler zu schließen, wäre falsch, denn vielfach beziehen örtliche Briefmarken-Sammler-Vereine zentral für ihre Mitglieder.

Außerdem erhalten etwa 1800 Abonnenten von jeder Neuerscheinung gleich tausend Marken und mehr. Das dürften fast ausschließlich Händler sein, die wiederum, obwohl sie es angeblich als Belastung und unrentable Dienstleistung ansehen, in ihren Laden lange Listen von sammelbesessenen Abonnentenkunden führen.

So ungenau die Schätzungen über das Millionenheer von Sammlern sind, so sehr schwimmen auch die Angaben darüber, was auf diesem leisen Markt umgesetzt wird. Denn die Briefmarke ist nicht nur für die Post, die täglich davon 14 Millionen Stück verkauft, ein Geschäft, sie ist auch eine sehr handfeste Ware – für Händler und Sammler.

Der Umsatz der Frankfurter Versandstelle betrug im vergangenen Jahr etwa 20 Millionen Mark, für 1965 wird er auf 28 Millionen Mark geschätzt. Händler zweifeln: der Absatz der Post an Sammler sei weit höher. Wer wagt zu schätzen, wie viele Briefmarken, erworben an den Tausenden von Postschaltern, nicht auf Karten oder Briefen, sondern in Alben landen?