Von Nina Grunenberg

Münster

Der baumstarke Justizwachtmeister im großen Saal des Münsteraner Landgerichts hat in den letzten drei Monaten sichtbar an Gewicht verloren. Als ich ihn das letzte Mal sah, saß die grüne Jacke noch stramm. Jetzt machen ihm Gallensteine zu schaffen. „Alles dieser Weigand-Ärger“, seufzt er, verwundert über eine verkehrte Welt. Nicht nur, daß er – um Herr über den Publikumssturm auf den Gerichtssaal zu bleiben – zeitweise die Hilfe von drei Kollegen brauchte und daß er – wie alle am Gericht Beteiligten – keine Ferien machen durfte: Auch Leib und Seele des Justizwachtmeisters litten unter dem Elend des Prozesses, in dem seit sechs Monaten „Münster intim“ abgehandelt wird – Strapazen, die an keinem der Beteiligten spurlos vorübergegangen sind. Ein Ersatzschöffe fiel schon wegen Krankheit aus. Wird jetzt noch jemand länger als zehn Tage krank, dann müßte die Hauptverhandlung wiederholt werden, von Anfang an. Seit vier Wochen zittern deshalb Richter, Staatsanwälte und Verteidiger um Dr. Günter Weigand, der eine Grippe hatte und noch nicht wieder ganz erholt ist.

Zwei Zentner Akten

Bis jetzt hat sich das Gericht durch 75 Verhandlungstage geschleppt. Fast hochachtungsvoll vermerken alle Chargen des Gerichts,, vom Oberstaatsanwalt angefangen bis hin zu den Gerichtsdienern, die die zwei Zentner Weigand-Akten durchs Haus schleppen müssen, daß diese Verhandlung einzigartig in der Geschichte des Strafprozesses dasteht.

Wegen ein paar Beleidigungen und üblen Nachreden wurden bisher über hundert Zeugen vernommen. 73 Zeugen werden noch erwartet. Zeitweise waren elf Gutachter im Saal: drei psychiatrische Sachverständige, zwei pathologische Anatomen, drei Schriftsachverständige und drei Schießsachverständige.

Der mysteriöse Tod des Münsteraner Rechtsanwaltes Paul Blomert wurde bis in die dunkelsten Ecken ausgeleuchtet. Ein Mord, von Günter Weigand behauptet, wurde von den Schießsachverständigen aus zwingenden Gründen ausgeschlossen. Unerklärlich blieb allerdings auch ihnen, warum damals von den Münsteraner Untersuchungsbehörden keine jener „Minimalanforderungen“ erfüllt wurden, die bei unklaren Todesfällen zum kleinen Abc der Kriminalisten gehören.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ notierte die Klage des Schießsachverständigen Dr. Max Frei-Sulzer aus Zürich: „Kein Plan vom Tatort. Keine Sicherung der Geschoßsplitter, Knochenteile und Mörtelstücke. Keine Photographie der Blutspuren. Keine Feststellung über den Zustand der Kleider des Opfers. Verwischung wertvoller Spuren durch Waschen, wobei nicht aktenkundig gemacht wurde, daß die Photographien einen veränderten Zustand der Leiche festhalten. Veränderung der Lage der Waffe, Verwischung von Spuren bei ihrer Entladung. Keine Befragung der Beteiligten, solange die Erinnerung noch frisch war. Keine genaue Bestimmung des Schießkanals oder der Schießkanäle, keine Prüfung der Schießhand, keine Schußentfernungsbestimmung. Keine Befragung weiterer Hörzeugen außer Frau Blomert. Eine ganz unvollständige Ermittlung über die letzten Lebensstunden des Verstorbenen. Keine Sicherstellung und Photokopien der Abschiedsbriefe. Die Motivüberprüfung blieb in den Anfängen stecken. Keine Ermittlung nach dritten Personen, die zur Tatzeit anwesend waren, keine Spurenuntersuchung an solchen Personen.“

Damit war die Hauptsache gesagt. Niemand erwartet von diesem Prozeß jetzt noch eine Sensation. Die Verteidigung hat ihr Ziel mit dem Beweis erreicht, daß das Mißtrauen ihres Mandanten zu Recht bestand. Mehr hat sie nicht erwartet. Von einem Mord war sie offenbar nie überzeugt.

Anders Weigand: Daß Blomert tatsächlich nur durch eigene Hand zu Tode gekommen ist, vermag er immer noch nicht ganz zu glauben. Auch er erhofft sich nichts mehr von seinem Prozeß. Er hätte nichts dagegen, wenn er beendet würde.

Anders die Staatsanwaltschaft: Für sie und das Gericht wurde der Prozeß zu einem Prestigefall, den sie, koste es, was es wolle, bis zum Ende und mit einem „Exzeß an Fairneß“ (Oberstaatsanwalt Quade) durchstehen wollen, um das ramponierte Ansehen der Münsteraner Justiz in der Öffentlichkeit wiederherzustellen. Möglicherweise erhofft sie, in den kommenden Wochen noch ein paar Pluspunkte für sich einhandeln zu können. Denn seit der Fall Blomert abgewickelt ist, sollen Weigands üble Nachreden und Beleidigungen in die Beweisaufnahme gehen.

70. Verhandlungstag: Der junge Radiotechniker aus einem Münsteraner Elektrogeschäft legt zum siebzigsten Male ein neues Tonband ein. Es wird zweispurig bespielt und spult täglich 730 Meter ab. Auf den Bändern ist der Prozeß schon 51 Kilometer lang.

Günter Weigand, die Staatsanwälte, der Pflichtverteidiger Müller-Voss und die beiden psychiatrischen Gutachter nehmen ihre Plätze ein. Die Richter und Schöffen treten auf. Wer von ihnen angegriffener aussieht, läßt sich nicht mehr genau feststellen. Verteidiger Falk hat sich wegen eines dringenden Termins im Saarland entschuldigen lassen. Gutachter Professor Ritter von Baeyer aus Heidelberg wundert sich, warum seine Anwesenheit immer noch erforderlich ist. Gutachter Professor de Boor, der während der Sitzungen an einem Beitrag zur Strafrechtsreform mit dem Titel „Bewußtsein und Bewußtseinsstörung“ zu arbeiten versucht, meint: „Selbst wenn jetzt noch 200 Be- und Entlastungszeugen gehört werden, kann das Bild des Angeklagten nicht mehr klarer werden.“

Die Staatsanwaltschaft dagegen scheint damit zu rechnen, daß Weigand doch noch einmal die Beherrschung verlieren könne. Das möchte sie nicht ohne Psychiater erleben. Doch in diesen Genuß will Weigand sie nicht kommen lassen. Im Laufe des Tages entbindet der Gerichtsversitzende den Professor Ritter von Baeyer von der Pflicht, der Hauptverhandlung weiter beizuwohnen.

„Das geht Sie nichts an!“

Rechtsanwalt Lühn, Nebenkläger und Rechtsbeistand von Ulla Blomert, wird in den Zeugenstand gerufen. Er soll erklären, warum er die Beantwortung von 25 Fragen, die Weigand ihm vor drei Jahren schriftlich vorgelegt hatte, verweigert und die Fragen als „indiskret und unverschämt“ bezeichnet hat.

Die Fragen werden noch einmal vorgelesen: „Warum lehnt Witwe Blomert eine unmittelbare Besprechung mit mir ab?“

Antwort von Lühn: „Wir nehmen Sie nicht für voll für solche Sachen ...“

„Warum ist Witwe Blomert nicht mehr unter der Telephonnummer 55183 zu erreichen, sondern nur über die Firma Krabbe?“

Lühn: „Das geht Sie nichts an.“

„Warum ist es der Versicherung scheißegal wie Herr Blomert zu Tode gekommen ist...“ – „Trifft es zu, daß eine geschlechtliche Einigung zwischen den Eheleuten nicht mehr vorgekommen ist?“

Lühn: „Diese Frage bezeichne ich als indiskret und unverschämt.“

In der Tat, diese Fragen hätten sogar einem Detektiv aus einem Sex-and-crime-Reißer alle Ehre gemacht.

„Ich habe damals nicht geahnt“, sagt Lühn vor Gericht, „daß Dr. Weigand so eine Ausstrahlung hat. Sonst wäre man gleich ganz anders vorgegangen.“

Der Zeuge gibt noch zu Protokoll, daß Weigand damals vom „göttlichen Auftrag“, den Blomert-Fall zu klären, gesprochen habe. Weigand bestreitet das und beantragt, den Zeugen unvereidigt zu lassen, „weil das mindestens ein Falscheid ist“. Außerdem glaubt er fest zu wissen, „daß Lühn nicht an die Existenz Gottes glaubt und somit die Beschwörung mit der Formel ‚So wahr mir Gott helfe‘ einer Blasphemie nahekäme.“ Der Vorsitzende ist empört: „Wie können Sie das wissen? Wie können Sie so etwas behaupten?“

Pause. Gustav Krabbe, Geschäftsmann und für Weigand einer der Hauptverdächtigen im Blomert-Fall, auf dem Gerichtsflur: „Nur wer nichts hat, kann so einen Prozeß führen.“ Der Justizwachtmeister mit Bewunderung: „Das kann nur Weigand fertig bringen.“ Das Ehepaar Krabbe hat die beiden ältesten Kinder in ein Internat geschickt, um sie nicht den neugierigen Fragen der Leute auszusetzen.

Nächster Zeuge ist ein Schreibstuben-Angestellter der Kriminalpolizei. 29 Minuten dauert die Vernehmung über ein fünf Minuten langes Telephongespräch, das der Angestellte am 13. Oktober 1962 mit Weigand hatte. Im Verlauf dieses Gesprächs soll Weigand gesagt haben: „Herr Duhme ist kein Staatsanwalt, er hat zwar einen Titel, aber keinen Verstand.“ Weigand bestreitet diese Version. Er will lediglich gesagt haben, Duhme wisse seinen Verstand schlecht zu gebrauchen, er sei ein listiger Staatsanwalt. Die meisten Beleidigungen, die Weigand ausgesprochen hat, liegen schriftlich vor. In der Vernehmung hat sich Weigand dazu auch schon geäußert.

Dennoch will die Staatsanwaltschaft zu diesen Punkten noch Zeugen hören. Für sie kommt erst jetzt der „wichtigste Komplex“. Denn wen hat Weigand nicht alles beleidigt: die Kollegen der Staatsanwälte, den Bischof von Münster, der aber keinen Strafantrag gestellt hat, den ehemaligen Oberbürgermeister von Münster, den Vorsitzenden des Justizausschusses des Düsseldorfer Landtages...

Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Staatsanwaltschaft und Weigand – beide streiten um die Gerechtigkeit, und beide werden dennoch ständig aneinander vorbeireden. Weigand hat beleidigt, um damit diesen Prozeß zu ertrotzen und den Blomert-Tod zu klären. Für die Staatsanwaltschaft sind die Beleidigungen die Hauptsache. Weigand verwechselt die psychologische Schuld der Witwe Blomert mit einer juristischen, Behauptungen mit Beweisen. Eine 65jährige Zeugin fragt er: „Ein Zeuge hat vor Gericht gesagt, Ihre Tochter sei genauso ein Flittchen wie ihre Mutter. Stimmt das?“ Was diese Frage zur Wahrheitsfindung beitragen sollte, wußte keiner. Warum das Gericht bei seiner Frage empört auffuhr, hat wiederum Weigand nicht verstanden. Unbegreiflich wird ihm bleiben, daß es außerhalb der Liebe keine Wahrheit gibt. Unbegreiflich bleibt der Staatsanwaltschaft, wie jemand derart frech die Konventionen verletzen kann.

Beim Mittagstisch im „Überwasserhof“ rechnet Pflichtverteidiger Müller-Voss nach, was ihn der Weigand-Prozeß ganz persönlich kostet. In seiner Heimatstadt Berlin kassiert er pro Verhandlungstag zwischen 500 und 800 Mark. Jetzt bekommt er nur die Spesen für Reise, Übernachtung und Verpflegung. Nach Prozeßende beginnt der Kampf um die Vergütung: Gerichtsüblich sind 90 Mark pro Tag. Die große Praxis von Müller-Voss verschlingt monatlich 14 000 Mark Unkosten. Der Verteidiger beschließt, nicht weiter darüber nachzudenken.

Entgegen allen Gerüchten bekommt Verteidiger Falk sein Honorar weiterhin von Heinrich Böll. Außer Zweifel ist, daß die Länge des Prozesses auf die Portemonnaies der Freunde Weigands schlägt, nicht auf die der Staatsanwaltschaft. Weigand hat ein Monatseinkommen von 127 Mark.

Eine traurige Genugtuung haben die Verteidiger: Seit Januar dieses Jahres genügt ein Schriftsatz von ihnen, damit fahrlässig ausgestellte Unterbringungsbefehle wie im Fall Weigand – aufgehoben werden. Nach Angaben von Müller-Voss haben er und sein Kollege Falk schon 30 Personen wieder aus der Irrenanstalt herausgeholt ...

Am Nachmittag wird ein Ehepaar verhört: Die beiden haben eine Gast- und Landwirtschaft im Bayerischen Wald. Paul Blomert hat einmal bei ihnen Ferien gemacht. Nun kommen sie extra angereist, um vor Gericht zu bezeugen, daß der Feriengast Blomert „ein sehr netter, aufgeschlossener Gast“ war und keinen „trübsinnigen Eindruck“ auf sie gemacht habe. Danach dürfen sie wieder nach Traxelsried abreisen.

Bis Ende Februar soll das Verfahren mindestens noch dauern. Allein die Beleidigungsbriefe vorzulesen, wird sechs Tage dauern. Fürwahr – dieser Prozeß ist ein Exzeß.