Fritz Umgelter inszenierte Frischs Requiem Nun singen sie wieder im Stil des Volks- Täuercags: Holzschnittfiguren sprachen ihre Lilanei vor einem schwarzen Hintergrund, die Kamera folgte den Stationen eines Passionsvegs, man ging nicht: man schritt, dramatische Gesten und psychologische Akzente wurden vermieden, die Regie ließ es sich angelegen sein, das ilte Spiel vom Everyman in neuem Gewand vorjustellen.

Die Striche, im zweiten Teil immer länger getatend, verrieten Konsequenz twid literarischen Geschmack; süßlich sentimentalische Passagen — die Szene mit dem Kind! — sahen sich kurzerland eliminiert, kitschige Artigkeiten, niedliche Diminutive (die Fingerlem) fielen dem Rotstift zum Opfer, die Brot und Wein Symbolik des jungen Max Frisch fand sehr zu Recht keine Gnade vor Umgelters Augen, und auch der Pope vurde seiner schlimmsten Dostojewskij Senten2en beraubt. Das alles war konsequent und wohlüberlegt; der Zuschauer, mit dem Text in der Hand, hätte sich bisweilen eher noch drastischere als zaghaftere Striche gewünscht: Alle Mutter snd eins, Karl, alle Mütter sind eins man väre über den Ausfall derartiger, vom O MenschPatihos getragener Maximen nicht beunruhigt gevesen.

Freilich, das sei nicht verschwiegen, wurde die Inszenierungs Konsequenz teuer erkauft; das ertnebene Teufelchen Sentimentalität kehrte als leelzebub Rührsehgkeit wieder, da Umgelter nicht nur die Traulichkeiten, sondern auch die ihnen entgegenwirkenden Gestein, die Alltäglichkeiten, das Landläufig Biotische kurzerhand unterdrückte. Kein Zigarettenanzünden, kein Pfeifeausklopfen, kein Gesang Maikäfer flieg, keine Verfremdung durch die Gebärden: nur Elegie, nur weihevolles, nur bedeutungsschweres Gespräch! Wo Frisch psychologisch akzentuiert, den Gestalten individuelles Profil und persönliche Ausdruckskraft gibt, verwischte der Regisseur die Konturen; wo der Autor Helvetismen oder starke, realistisch präzise Worte (schmatzen) verwendet, griff Umgelter zum blasseren Hochdeutsch und schwächte die bildreich plastischen Vokabeln ab. Auf diese Weise schlich sich in die Inszenierung, da die realistischen Widerborstigkeiten fehlten, der Ton der Morgenfeier, einer allzu langen, allzu edlen Morgenfeier ein. Man fühlte sich an Paulskirchenreden erinnert, noch einmal Goethe und noch einmal Frieden und noch einmal Humanität, und dachte an Barlachs bitteren Satz: "Welcher Teufel reitet die Theaterleiter, daß sie aus meinen Dramen nur Oratorien und Mysterien machen " Ein Requiem, gewiß, ist kein unterhaltsames Stück; aber der Ernst verliert nun einmal nicht an Gewicht, wenn der Mann auf der Bühne sich seine Nase ausschneuzt. Kurzum, so vortrefflich die Ausmerzung zahlreicher Rühfseligkeiten gelang: seine Pfeife hätte der Hauptmann ruhig ausklopfen können. Das wäre dem Stück nur zugute gekommen. Momos