Von Thilo von Uslar

„Es ist zum Erstaunen, daß in Hinsicht der politischen Ereignisse die Leute nicht aufhören wollen, sich zu erstaunen!“ Ludwig Börne

München

Wer sich nicht mit seiner Vergangenheit beschäftigt,der ist verdammt, sie zu wiederholen. Mit diesen Worten klang die Rede aus, mit der der Rektor der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität, Professor Ludwig Kotter, eine Ringvorlesung eröffnete, die die Rolle der Universität im „Dritten Reich“ zum Thema hat. Am gleichen Tage, wenige Stunden zuvor, hatte Professor Kotter mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel telephoniert und diesem eine Mitteilung gemacht, die einem Freund Goppels, dem Gründungsrektor der Universität Regensburg, Professor v. Pölnitz, das Amt kosten sollte.

Über Pölnitz, dessen Bemühungen um die Gunst des nationalsozialistischen Regimes ihn zwar damals beruflich kaum weitergebracht hatten, dessen damalige Schriften aber 1965, auch nach ihrem Bekanntwerden, offenbar kein Hinderungsgrund waren, ihn weiter amtieren zu lassen – über Pölnitz also waren neue Akten gefunden worden. Über ihren Inhalt meinte Rektor Kotter, es sei „sehr erschütternd“, es ginge weit über das Bekannte hinaus und lasse Pölnitz’ Entschuldigungen unglaubhaft erscheinen.

Als die Berufung von Professor von Pölnitz im Frühjahr dieses Jahres sich zur „Affäre Pölnitz“ auswuchs, wußte man, außer von kompromittierenden Veröffentlichungen, nur von einer Personalakte, die im bayerischen Kultusministerium lagerte. Ministerpräsident Goppel und Kultusminister Ludwig Huber zitierten daraus, als sie den angegriffenen Rektor öffentlich in Schutz nahmen. Die Akte ergab auch nichts, was ungewöhnlich belastend war. Ein paar „Persilscheine“ freilich, die zitiert wurden, hatten die Verfasser zurückgenommen, als sie erfuhren, welche Gedanken Pölnitz einmal in Druck gegeben hatte. Unabhängig davon hielt das Kultusministerium an der Version fest, Pölnitz habe sich nur tarnen wollen; außerdem könne man ihn nicht entlassen: er sei Beamter.

Dann aber geschah etwas, was an deutschen Universitäten sonst ungewöhnlich ist: Der Münchner Rektor, Professor Weber, ließ sich die Rektoratsakte des ehemaligen Dozenten der Universität, v. Pölnitz, kommen, las darin, und erklärte, er trete aus dem Gründungskuratorium der Universität Regensburg zurück – aus Protest gegen Pölnitz, der seinerzeit die nationalsozialistische Machtergreifung an der Münchner Universität gefeiert hatte. Sonst blieb alles beim alten.