Von Heinz Josef Herbort

Das haben Komponisten wie Kritiker, Konzertbesucher wie Schallplattensammler eigentlich immer wieder gewünscht: die Meinung dessen, der da vor dem Orchester steht, darüber zu hören, was denn nun der Hörer mit der Musik tut oder tun soll und was die Musik mit dem Hörer tut. Ein solches Geständnis – oder sind es lediglich Mutmaßungen? – des Gründers und langjährigen Chefs des Orchestre de la Suisse Romande, Ernest Ansermet, liegt seit 1961 in Frankreich vor; es wurde dort viel beachtet, wurde in der ZEIT in einer Geburtstags-hommage angegriffen wie auch zu einer Salve gegen die deutsche Moderne ausgeschlachtet. Jetzt nun erschien es auch in deutscher Sprache –

Ernest Ansermet: „Die Grundlagen der Musik im menschlichen Bewußtsein“ (Originaltitel: „Les fondements de la musique dans la conscience humaine“), aus dem Französischen von Horst Leuchtmann und Erik Manschat; R. Piper & Co Verlag, München; 847 S., 230 Notenbeispiele, 32 Diagramme, bis zum 31. 12. 1965 78,– DM, dann 90,– DM,

und die oben genannten Interessenten werden sich begierig auf dieses Werk stürzen. Sie werden es, wenn sie zufällig die Seiten 86/87 oder 92/93 aufschlagen, schnell wieder aus der Hand legen. Sie werden vermuten, versehentlich ein Lehrbuch der höheren Mathematik oder Physik erwischt zu haben. Sollten sie dagegen zufällig im Bereich zwischen 640 und 650 blättern, werden sie auf Husserlsche Phänomenologie tippen, vielleicht auch auf ein Spezialgebiet der Psychologie; und ein Versuch, sich auf den Seiten 175 ff. zu orientieren, würde – bei den Überschriften „Das Gotteserlebnis“, „Das Christentum“, „Der Atheismus“, „Die Existenz Gottes“, „Das Gebet“ – gar auf eine theologische Apologetik rechnen lassen.

Ansermets Werk ist all dieses nicht und ist es doch – besser: Es hat von allem sein Teil. Es ist die Summe eines Lebens, die Summe der Erfahrungen und Forschungen eines Mannes, der als Mittelschullehrer für Mathematik begann, dann Musikstudien betrieb, von Felix Mottl und Arthur Nikisch lernte, Kritiken schrieb, den musikalischen „Sturm und Drang“ der zehner und zwanziger Jahre bei Djaghilew und Strawinsky mitmachte, die „Geschichte vom Soldaten“ uraufführte, sich schließlich durch die ganze Welt dirigierte, der „Mathematiker mit dem Taktstock“ genannt wurde und inzwischen zweiundachtzig Jahre alt ist.

Um die Grundlagen der Musik also geht es. Zunächst einmal ums Hören, um das Was und Wie des Hörens, um das physiologische Moment der Wahrnehmung und das psychologische der Identifikation des Vernommenen: Bewußtmachen durch Vergleichen, durch In-Beziehung-Setzen eines Tones mit einem anderen. Die mathematischen Ableitungen der Hörkurve, das Logarithmensystem der Intervalle und des Hörbereichs folgen: Das pythagoreische System wird langsam komplett.

Was aber stellt das dar, was da gehört wird? „Eine Musik hören heißt, für sich das musikalische Ereignis nachvollziehen, das der Komponist in den Tönen eingefangen hat.“ Ein Ereignis nachvollziehen. Musik ist also für Ansermet Imagination und Bild: das statische Bild von Intervallstrukturen, „Form“; aber auch – und vor allem – das zeitlich sich ausdehnende Bild, der Ablauf, die Darstellung, Musik als Träger von Inhalten, Träger von Emotionen, die „das hic et nunc transzendieren“.