Von Kurt Wendt

Die Revolte ist ausgeblieben. Stillschweigend oder zähneknirschend zahlen viele Bundesbürger fünf oder zehn Pfennig mehr für den halben Liter Bier am Stammtisch oder vor dem Fernsehschirm. Es wird eben, so mag mancher resigniert sagen, "alles teurer".

In den Bierkellern Westdeutschlands hatte im Herbst die Alarmglocke geklingelt. Als die Brauer zusammenrechneten, was das Geschäftsjahr 1964/65 nun gebracht hat, mußten sie feststellen, daß die Deutschen zu wenig getrunken haben. Dafür müssen sie nun zahlen.

Allen voran ging Deutschlands größter Bierhersteller, die Dortmunder Union-Brauerei AG. Seit dem 18. November fordert sie acht Mark mehr je Hektoliter und gab damit grünes Licht für die im Braugewerbe sehnlichst erwünschte Preiserhöhung.

Dennoch, der Schritt der Dortmunder Union kam überraschend. Noch am 9. Juni hatte ihr Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Felix Eckardt den Aktionären erklärt: "Eine Bierpreiserhöhung als Ausgleich für die ständig steigenden Kosten ist deshalb nicht vordringlich, weil das Problem der Kosten-Erlös-Schere durch den Ausstoßerfolg des vergangenen Jahres etwas entschärft worden ist!" Vor Journalisten ging er sogar noch weiter: "Wenn es nach mir ginge, sollte man mal runtergehen, und den Preis bereinigen!"

Was er mit einer Preisbereinigung meinte, ist nicht ohne weiteres klar. Aber eine Marktbereinigung hätte das Festhalten am alten Bierpreis, der seit 1952 praktisch unverändert gelassen worden war, sicherlich gebracht. Denn das Vorgehen der Dortmunder Union, dem die anderen Dortmunder Großbrauereien umgehend folgten, bietet besonders den kleinen Brauereien die Möglichkeit, sich weiterhin am Leben zu erhalten.

"70 bis 80 Prozent der deutschen Brauereien haben höhere Preise nicht nötig!" stellte noch in diesem Sommer der Vertreter einer Großbrauerei fest. Hart um ihre Existenz ringen jedoch Brauereien mit einem Jahresausstoß von 75 000 bis 100 000 Hektoliter. Sie sind zu groß für den lokalen Markt, aber finanziell nicht stark genug, um sich über den regionalen Bereich hinaus auszudehnen.