Berlin, im Dezember

Erich Apel, der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission in der DDR, hat sich am vergangenen Freitag in seinem Dienstzimmer erschossen. So jedenfalls stellte Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt am Montag das Ende des prominenten Zonenwirtschaftlers dar. Apel sei wegen des neuen Handelsvertrages zwischen der UdSSR und der DDR, sowohl bei den Verhandlungen in Moskau als auch bei der Unterzeichnung in Berlin, in schwere Auseinandersetzungen mit Ulbricht geraten. Er griff zur Pistole genau an dem Tage, da der sowjetische Handelsminister N. S. Patolischew gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Volkswirtschaftsrates Alfred Neumann das Dokument unterschrieb. „Apel ist aber nicht schweigend gestorben“, fügte Brandt hinzu. „Wir werden alle noch hören, was ihn bewegt und besorgt hat.“

Das ärztliche Bulletin in Ostberlin hatte den Tod des Wirtschaftsplaners mit „nervlicher Überlastung“ erklärt, „die trotz aller ärztlicher Bemühungen zu einem plötzlichen Nervenzusammenbruch führte“. Er sei „in einer dadurch hervorgerufenen Kurzschlußreaktion“ aus dem Leben geschieden. Die Nachricht ist so lange geheimgehalten worden, bis die sowjetischen Unterzeichnungspartner wieder abgereist waren.

Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ feierte den Handelsvertrag unter dem Titel „Handelsumsatz DDR–Sowjetunion erreicht 60 Milliarden Mark. Abkommen für 1966 bis 1970 in Berlin unterzeichnet. Gewaltige Lieferungen von Rohstoffen, Ausrüstungen und Konsumgütern“. Erich Apel dürfte den Vertrag im wesentlichen deswegen abgelehnt haben, weil er die mitteldeutsche Exportkraft praktisch der Sowjetunion ausliefert. Der Export in die Sowjetunion steigt von 42,5 Milliarden im jetzt auslaufenden Fünfjahresvertrag auf 60 Milliarden Valutamark in den Jahren 1966 bis 1970. Außerdem wurden Qualitätsnormen festgelegt, welche die DDR entweder nicht erfüllen kann oder die sie derart in Anspruch nehmen, daß für den devisenbringenden Export ins „kapitalistische Ausland“ nur noch Güter geringerer Qualität übrigbleiben.

Ulbricht und Apel sollen sich auch wegen der den Sowjets gewährten Preise gestritten haben. Auf diesem Gebiet sind die Informationen allerdings ungenau. Gesprächspartner jenseits der Mauer versichern, die Preise seien im Comecon für sämtliche Teilnehmer auf einen bestimmten Stichtag festgelegt, so daß jeder Handelspartner unter gleichen Bedingungen exportiere. Westliche Beobachter dagegen wollen wissen, daß die Preise so differenziert gestaltet wurden, daß die Sowjetunion beispielsweise für Schiffe, die sie in Rostock bestellt, 30 Prozent weniger bezahlen muß als für ähnliche Schiffsbauten in Kiel.

Zerbrach Apel an dem inneren Widerspruch zwischen wirtschaftlichem Denken und ideologischer Doktrinentreue? Das wäre sicherlich zu vereinfacht. In Wirklichkeit scheiterte der Achtundvierzigjährige an Walter Ulbrichts Konzeption, aus UdSSR und DDR die Kernzone des Sozialismus zu machen, deren Attraktion den Ostblock festigen und dem Polyzentrismus Einhalt gebieten soll. Apels Freitod kann daher nicht nur in der DDR, sondern auch in den anderen Staaten des Ostblocks gerade jene Tendenzen wieder stärken, die Ulbricht ersticken wollte.

Apel hat seinen schwerwiegenden Entschluß gewiß mit klarem Kopf und im Bewußtsein aller Konsequenzen gefaßt. Trotzdem dürfte die „nervliche Belastung“, von der das ärztliche Bulletin spricht, nicht aus der Luft gegriffen sein. Seit dem Beschluß, das „neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NOES) aufzubauen, stand der Planungschef unter unerträglichem Druck. Der Umstellungsprozeß schuf ein „heilloses Durcheinander“ in der DDR-Ökonomie. „Schlechter noch als ganze Planökonomie“, so meinte kürzlich ein politischer Beobachter, der dem Unternehmen skeptisch gegenübersteht, „ist die halbe Planökonomie.“ Die Einführung des Rentabilitätsprinzips für Betriebe und Konzerne, die trotzdem einen Staatsplan erfüllen sollen, war in der Sache kompliziert, für die Menschen aber, die jahrelang einer primitiven Verwaltungsökonomie dienten und plötzlich mit eigener Verantwortung bei Kauf, Verkauf und Produktionsmethode Rentabilitätsberechnungen aufstellen mußten, die Quadratur des Zirkels.

Die Berichte über die vielerlei Schwierigkeiten landeten alle auf Apels Schreibtisch. Man weiß, daß er bis in die frühen Morgenstunden zu arbeiten pflegte.

Erich Apel war am 3. Oktober 1917 als Sohn eines Arbeiters im thüringischen Judenbach geboren worden. Er besuchte von 1937 bis 1939 die Ingenieurschule in Ilmenau. In der Sowjetunion erwarb er sich von 1946 bis 1952 in einem Ingenieurkollektiv weitere Kenntnisse, viele sowjetische Freunde und den letzten Schliff als Kommunist sowjetischer Prägung. Im Jahre 1955 wurde er zum erstenmal Minister und übernahm die Verantwortung für den Schwermaschinenbau; 1958 übertrug ihm das Politbüro die Leitung der parteiinternen Kommission für den gleichen Aufgabenbereich. Parteimitglied wurde er erst 1957, doch erhielt er bald Titel und Funktion eines Kandidaten des Zentralkomitees und 1961 des Politbüros. Im Zentralkomitee war er Sekretär für Wirtschaft. Ulbricht entband ihn 1962 von dieser Tätigkeit, berief ihn aber in das Präsidialkabinett und übertrug ihm im Januar 1963 die Staatliche Plankommission, die sein Vorgänger Karl Mewis – heute Botschafter in Warschau – mit Energie, aber ohne Fachkenntnisse geleitet und völlig durcheinander gebracht hatte.

Gewiß war Apel überzeugter Kommunist, wenn er es auch vermied, parteipolitisch hervorzutreten, und sich auf sein Fachgebiet beschränkte. Am Ende suchte er den Freitod, statt sich parteikonform dem Zentralkomitee zu stellen und die Verantwortung für Dinge zu übernehmen, die in der Sache und nicht in seiner Person lagen. Insofern war der Technokrat schon nicht mehr ganz so kommunistisch, wie sich die Kommunisten ihre Leute vorstellen. Vielleicht ist sein Selbstmord das äußere Zeichen einer Wandlung, die auch innerhalb der SED Platz greift.

Vor acht Jahren, als sich der gleichfalls für Wirtschaftsfragen zuständige, aber politisch stärker engagierte, ZK-Sekretär Gerhart Ziller eine Kugel durch den Kopf schoß, um Ulbrichts Anklagen zu entgehen, verbarg das Politbüro seinen Groll hinter einer Mauer des Schweigens. Erich Apel jedoch erhielt ein ehrendes Kommunique, in dem der Freitod angedeutet wurde, und ein Staatsbegräbnis. René Bayer