Der langfristige Handelsvertrag mit Moskau läßt Pankow wenig Spielraum. Auf dem offiziellen Photo von der Unterzeichnung des Vertrages, das die Mitglieder der beiden Verhandlungsdelegationen zeigt, fehlte ein Mann. Dr. Erich Apel, der das Abkommen vorbereitet hatte und die Abstimmungen der beiden ineinander verzahnten Planwirtschaften leitete, hatte sich wenige Stunden zuvor das Leben genommen. Das Kommuniqué aus Ostberlin spricht von Kreislaufstörungen, nervlichen Überlastungen und einer daraus resultierenden Kurzschlußreaktion. Was immer die tatsächlichen Hintergründe dieses plötzlichen Selbstmordes eines der modernen, selbstbewußten Fachmänner in der Wirtschaftsverwaltung Mitteldeutschlands sein mögen, der Zeitpunkt lenkt die Blicke stärker auf die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Pankow und Moskau.

Der Leiter des Volkswirtschaftsrates Alfred Neumann, ließ die Katze aus dem Sack, als er bei der Unterzeichnung erklärte, das Abkommen werde „zur Ernüchterung jener revanchistischen und imperialistischen Kräfte in Westdeutschland beitragen, die sich noch immer der schon längst zerbrochenen Illusion hingeben, die DDR politisch oder ökonomisch erpressen zu können“. Eindeutig ist der neue Vertrag nach den bisher veröffentlichten Einzelheiten auf die Bedürfnisse der Sowjetunion zugeschnitten. Sie binden weiter mindestens 50 Prozent des Außenhandelsvolumens der mitteldeutschen Wirtschaft. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Die Verzahnung ist bereits weit fortgeschritten. Nicht zuletzt die völlige Abhängigkeit von den Rohstoffen aus Rußand bei ständiger Knappheit an westlichen Devisen steht einer freieren Orientierung Pankows zum Weltmarkt hin hemmend entgegen. So bleibt das einzig erreichbare Ziel, aus der Bindung an Moskau das beste zu machen.

Und hierüber liegt wieder ein Schleier des Dunklen. Eingepackt in die Phrasen von brüderlicher Zusammenarbeit steht jedoch deutlich in der Verlautbarung der Satz: „Die zur Lieferung an die DDR festgelegten Mengen von Rohstoffen, Halbfabrikaten sowie wichtigen Versorgungsgütern bilden das feste Fundament der volkswirtschaftlichen Entwicklung der DDR und sichern die Versorgung der Metallurgie, des Maschinenbaues, der Chemie, der Leichtindustrie und anderer Industriezweige mit den wichtigsten Materialien.“

Mit anderen Worten ist das auch in dem im Juni 1964 mit Moskau abgeschlossenen Freundschaftsvertrag (Artikel 8) festgelegt. In der Begründung, die der Vorsitzende des Ministerrats der DDR, Willi Stoph, damals vor der Volkskammer in Ostberlin gab, sagte er: „Die Koordinierung unserer wirtschaftlichen Entwicklung mit dem gewaltigen Wirtschaftspotential der Sowjetunion, ihren natürlichen Reichtümern und dem von ihr erreichten Stand von Wissenschaft und Technik verleihen uns ein Maß an wirtschaftlichen Stabilität, das das kapitalistische System in Westdeutschland niemals zu erreichen vermag.“

Klingt hier nicht noch das Bemühen durch, aus der nun einmal aus eigener Kraft nicht zu ändernden Lage wenigstens nach außen noch den Schein des Vorteils für die eigene Volkswirtschaft herauszustellen? Grundsätzlich hat sich an der Lage Mitteldeutschlands gegenüber Rußland nichts geändert. Das Handelsvolumen soll bis 1970 auf 60 Milliarden Valutamark steigen. Es betrug von 1961 bis 1965 rund 50 Milliarden, Aus der Sowjetunion kommen die Rohstoffe und Halbfabrikate, dorthin fließen die Fertigwaren, die daraus mit dem Wissen und Können deut- – scher Facharbeiter hergestellt worden sind. Ein Drittel der Maschineneinfuhr der Sowjetunion kommt aus der Sowjetzone. Die Werftindustrie, die bis 1970 339 Schiffe abliefern soll, wurde seit 1946 auf sowjetischen Befehl in Wismar und Warnemünde aus dem Boden gestampft; komplette chemische Anlagen erwartet Moskau aus Ostberlin.

Die Arbeitsteilung im Rahmen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (COMECON) hat der mitteldeutschen Wirtschaft vor allem Aufgaben im Maschinenbau, in der Chemie, im Schiffs- und Waggonbau zugewiesen. Als sich im Ostblock Tendenzen zeigten, in den wirtschaftlichen Entwicklungslinien mehr und mehr eigene Wege zu gehen, insbesondere in Rumänien, da folgte Ostberlin diesem Trend nur zaghaft. Die „Realitäten“ binden es stärker an Moskau. Allmählich schien aber auch hier eine gewisse Lockerung versucht worden zu sein. Staatschef Walter Ulbricht löste seinen altgedienten Botschafter Rudolf Bölling in Moskau ab und ersetzte ihn im Juli dieses Jahres durch den Außenhandelsfachmann Horst Büttner. Der Leiter der staatlichen Plankommission, Dr. Erich Apel, war mehrfach in Moskau zu Verhandlungen. Dabei ging es auch um die Abstimmungen der beiden Planwirtschaften im Zusammenhang mit dem in Mitteldeutschland entwickelten „neuen ökonomischen System“, das Apel durchzusetzen hatte. Ob ihm die Russen nicht auf allen neuen Wegen, vor allem bei der Preisreform, folgen wollten? Der Handelsvertrag gibt darüber keinen Aufschluß.