Die NS-Verfahren in Schleswig-Holstein

H. W., Kiel

Schleswig-Holstein, in den letzten Jahren häufig als „braunes Naturschutzgebiet“ apostrophiert, ist willens, mit seiner braunen Vergangenheit aufzuräumen. Ein Bericht, den das Kieler Justizministerium kürzlich der Öffentlichkeit übergab, enthält eine Übersicht über die 47 Verfahren wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen, die heute noch in Schleswig-Holstein anhängig sind. Unter den Personen, gegen die Prozesse eingeleitet wurden, befinden sich viele mit prominentem Namen. Es sind Namen von Männern, die nach 1945 in Schleswig-Holstein eine bedeutende Rolle gespielt haben.

Da ist der ehemalige Sozialminister und BHE-Prominente Hans-Adolf Asbach, dem vorgeworfen wird, als Kreishauptmann im Generalgouvernement an Judenverfolgungen teilgenommen zu haben. Da ist der einstige General der Waffen-SS und spätere Bürgermeister von Westerland, Heinz Reinefarth, der den Warschauer Aufstand mit brutalen Mitteln niederkämpfte. Da ist der Vizeadmiral und ehemalige Wehrbereichsbefehlshaber im Wehrbereich I, Bernhard Rogge, der noch nach der Kapitulation Todesurteile gegen Wehrmachtsangehörige bestätigt hat.

Die Juristen haben es nicht leicht, die Schuldvorwürfe rechtlich zu untermauern. Der Nachweis – 23 Jahre nach Kriegsende, – ist schwer, wenn nicht oft unmöglich. Das demonstriert der Fall Reinefarth, der schon viele Jahre die Staatsanwaltschaft Flensburg beschäftigt. Weit über tausend Zeugen sind vernommen worden, und noch immer ist kein Ende dieses Ermittlungsverfahrens abzusehen.

In den 47 Verfahren geht es nicht nur um die Ermordung jüdischer Menschen und von KZ-Häftlingen. Untersucht werden auch Morde an britischen Kriegsgefangenen, die nach wochenlanger Flucht aus schlesischen Lagern kurz vor der dänischen Grenze gestellt und an Ort und Stelle erschossen wurden. Die Frage, ob mit diesen Verfahren die Verfolgung von NS-Verbrechen in Schleswig-Holstein abgeschlossen werden kann, vermag auch das Landesjustizministerium nicht zu beantworten.