Von Peter Grubbe

Curt Riess: „Der Mann in der schwarzen Robe“; Christian Wegner Verlag, Hamburg; 344 Seiten, 24,– DM.

Am 19. Januar 1920 beginnt im alten Schwurgerichtssaal des Berliner Kriminalgerichts in Moabit einer der bedeutsamsten politischen Prozesse der damals noch jungen Weimarer Republik. Das Delikt, um das es geht, ist gering. Dem Angeklagten werden Beleidigung und Verleumdung vorgeworfen. Aber die beteiligten Personen sind prominent. Angeklagt ist Karl Helfferich, ehemaliger Staatssekretär und Vizekanzler des Deutschen Kaisers. Die Anzeige gegen ihn ist erstattet worden von Matthias Erzberger, amtierendem Finanzminister der Weimarer Republik. Vertreter der Anklage ist Oberstaatsanwalt von Clausewitz. Und Verteidiger des Angeklagten ist Max Alsberg.

Max Alsberg, Sohn eines wohlhabenden jüdischen Textilkaufmanns aus Bonn, ist damals 45 Jahre alt. Er ist bereits einer der angesehensten deutschen Anwälte, und in diesem Prozeß erweist er sich seines Rufes würdig. Helfferich hat Erzberger fast alles vorgeworfen, was man einem Politiker vorwerfen kann: Korruption, Schwarzhandel, unpatriotisches Verhalten. Keine dieser Behauptungen ist zu beweisen. Aber Alsberg verteidigt seinen Mandanten so geschickt und nimmt Erzberger, der als Zeuge auftritt, so raffiniert in die Zange, daß aus dem Angeklagten der Ankläger und aus dem Zeugen der Beschuldigte wird. Sieben Wochen später wird Helfferich zu dreihundert Mark Geldstrafe verurteilt. Angesichts der ungeheuerlichen Vorwürfe, die er gegen Erzberger erhoben hat, ist das praktisch ein Freispruch.

Das Urteil ist ein Triumph für Alsberg. Er wird damit der bekannteste Strafverteidiger Deutschlands, einer der bekanntesten in ganz Europa. Von diesem Tage an gibt es kaum noch einen großen Strafprozeß, in dem der untersetzte, etwas unsicher wirkende Mann, der – wie übrigens ganz Berlin weiß – ein Toupet trägt, um seine Glatze zu verbergen, nicht auftritt. Er verteidigt Carl von Ossietzky und den „Mörder“ Jünemann, Franz Ullstein und den Mann der Tilla Durieux, Ludwig Katzenellenbogen. Er vertritt Stinnes, den preußischen Innenminister Grzesinsky und sogar den ehemaligen Deutschen Kaiser.

Dreizehn Jahre später, am 23. Dezember 1932, geht im Berliner Landgericht abermals ein Prozeß gegen einen Mann zu Ende, den Alsberg verteidigt. Der Angeklagte ist Geheimrat Caro, ein reicher jüdischer Chemiker und Fabrikant, geboren in Lodz, dem die Anklage Urkundenfälschung, Betrug und falsche eidesstattliche Versicherung vorwarf. Diesmal wird der Angeklagte sogar freigesprochen.

Aber dieser Freispruch ist kein Triumph für Alsberg, den die Zuhörer in Moabit inzwischen „Maxe“ nennen. Denn es ist sein letzter Erfolg. Die Uhr der Weimarer Republik ist abgelaufen. Fünf Wochen später übernimmt Hitler die Macht. Fünf Monate später erläßt Göring in Preußen ein Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das Juden – und damit auch Alsberg – als Anwälte und Notare ausschaltet. Und abermals fünf Monate später, am 11. September 1933, ist Alsberg tot. Er hat sich in einem Sanatorium in der Schweiz, wohin er geflüchtet war, erschossen.

Zwischen dem 19. Januar 1920 und dem 23. Dezember 1932 liegt aber nicht nur die Karriere eines großen Strafverteidigers, nicht nur Aufstieg und Ende Max Alsbergs; sein Leben, seine Erfolge, seine Ideale, seine Irrtümer und seine Fehler sind geradezu ein Spiegelbild der Weimarer Republik. Er ist nicht nur der Staranwalt der zwanziger Jahre, zu dessen Plädoyers im Moabiter Kriminalgericht „ganz Berlin“ erscheint. Er ist gleichzeitig Rechtsgelehrter. Sein Strafrechtskommentar wird von den Gerichten immer wieder zitiert. Er schreibt ein Drama unter dem Titel „Voruntersuchung“. Seine großen Gesellschaften gehören zu den Glanzpunkten des Berliner Lebens.

Aber Max Alsberg spiegelt auch die Schattenseiten der Weimarer Republik. Er lebt gut, ja verschwenderisch, als in Deutschland Millionen hungern; denn er läßt sich seine Honorare von reichen Klienten in Devisen auszahlen. Er unterhält merkwürdige, persönliche Kontakte zu obskuren Gestalten der Berliner Unterwelt. Und vor allem, er hilft in kaum vorstellbarer politischer Ahnungslosigkeit und Torheit selber mit bei der Zerstörung des Staates, in dem er lebt.

Als Alsberg 1920 den Rechtspolitiker Helfferich erfolgreich gegen den Demokraten Erzberger verteidigt, führt er, ohne es zu merken, bereits damals einen Schlag gegen die Weimarer Republik, von dem diese sich niemals ganz erholen sollte. Und als er im Sommer 1932 die Verteidigung des jüdischen Millionärs Caro übernimmt, der von einem anderen jüdischen Millionär angezeigt worden ist, zu einer Zeit, da Deutschland sechs Millionen Arbeitslose hat und die Nazis schon die stärkste Partei im Preußichen Landtag stellen, da hilft er abermals, ohne es zu begreifen, den Zerstörern der Republik. Denn dieser Monsterprozeß, der sechs Monate lang die Gerichte beschäftigt, ist Wasser auf die Mühlen derer, die täglich in den Straßen proklamieren: Die Juden sind unser Unglück! Die Juden beuten uns aus!

Es ist erstaunlich, daß bei der Fülle der Literatur über die „goldenen zwanziger Jahre“, die seit einiger Zeit den deutschen Büchermarkt überschwemmt, bisher noch niemand daran gegangen ist, das Leben Alsbergs zu schildern, der wie nur wenige den Glanz und das Elend dieser Epoche verkörpern. Aber es ist bedauerlich, daß der Versuch, den Curt Riess jetzt mit seinem Buch unternimmt, so kläglich scheitert.

Der Autor, der vielleicht zu sehr mit der Arbeit an anderen Büchern beschäftigt war, begnügt sich mit einer oberflächlichen Aneinanderreihung der großen Prozesse, in denen Alsberg auftrat. Um dem Leser das politische Geschehen der Zeit deutlich zu machen, werden alle fünfzig bis sechzig Seiten eine Anzahl politischer Ereignisse und Daten aufgezählt. Dazwischen schiebt der Autor schließlich von Zeit zu Zeit lehrhafte Hinweise auf die Bedeutung des Geschehens.

Es fehlt völlig das Zwielichtige der Figur Max Alsbergs, das ja nicht nur zu dem Mann, sondern auch zu seiner Zeit gehört. Das Buch ist fast eine einzige Lobhudelei. Daher wird die Figur Alsbergs nicht lebendig. Der Leser empfindet weder Sympathie noch Mitleid für ihn.

Die Tragik des nationalen, konservativen Juden wird kaum berührt. Und das faszinierende Wesen des Staates, in dem Alsberg damals lebte, Glanz und Elend der Weimarer Republik, werden nicht geschildert, werden dem Leser nicht deutlich gemacht.

Dieses noch dazu hölzern geschriebene Buch ist ein Tatsachenbericht, wie er nicht sein sollte. Hier wurde eine große Gelegenheit versäumt.