DAS STRUMPFBAND

Komödie von Heinrich Mann

Schloßtheater in Celle

Unter den zahlreichen Novitäten, die Hannes Razum im Celler Schloßtheater zutage gefördert hat, bedeutet diese Uraufführung einen Superlativ an Findigkeit. Eine Entdeckung. Der dramatische Erstling eines Schriftstellers von der Bedeutung Heinrich Manns war verschollen! Das Manuskript dieser Komödie liegt beim Nachlaß Heinrich Manns im Archiv der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin. Erst dem Intendanten Razum gelang es, „Das Strumpfband“ ans Licht des Theaters zu ziehen. Als er schließlich den Text und das Aufführungsrecht in Händen hatte, galt es, das Stück dramaturgisch noch abzustauben, doch „der sprachliche Duktus wie das Zeitkolorit, die Mentalität der Jahrhundertwende und die zeitkritischen Absichten Heinrich Manns wurden nicht angetastet“.

Faschingszeit in München: die Atelierwohnung des Ehepaares Prechtl. Sie ist Malerin, er Architekt. Sie haben Logierbesuch aus Lübeck (!). Frau Cordelia und Fräulein Hermine Stahmann lockern in Münchner Künstlerkreisen ihre hanseatische S-teifheit auf. Hecht im Karpfenteich ist Herr Killich. Schon die Malerin Prechtl hatte vor ihrer Ehe mit ihm eine Vergangenheit (ein Strumpfband in der Trophäensammlung des Eroberers bezeugt es). Jetzt verdreht Killich die hübschen Köpfchen der Lübecker Damen. Diese Figur ist ein deutscher Typ, in dem Heinrich Mann wohl eine Gefahr ahnte. Ihre politische Perversion hieß schließlich Josef Goebbels.

Es gibt zu dem Hauptthema mehrere Seitenthemen. Da spricht eine komisch gezeichnete Frauenrechtlerin den gesunden Menschenverstand aus. Da wird Satire geboten durch zwei hinreißend bajuwarische Typen aus der Precht-Familie – kontrapunktiert durch den schwankhaften „Konsul“ Stahmann aus Lübeck.

Die Celler Uraufführung kam dem Anspruch des Dichters sehr nahe. Hans-Günther Spornitz hatte die Szene bezaubernd ausstaffiert, Sybille Grubeck in Modekreationen vom fin de siècle geschwelgt. Ingeborg Christiansen und Franz Böhm waren goldrichtig das Ehepaar Prechtl, Hanna Liss die pralle Frauenrechtlerin mit dem Pinsel. Bajuwarisch typrichtig: Josefine Schult-Prasser und Erich Schachinger. Renate Seyfang und Irmgard Kootes spielten Lübeck in München konsequent mit S-t. Schade, daß dem Johannes Schütz der wichtige Killich nur als Karikatur gelang. Dieses Stück sollte nachgespielt werden.

Johannes Jacobi