Coesfeld

Pünktlich zur Mittagszeit um 12 Uhr versammeln sich in dem nüchternen Eßraum im rechten Flügel des Schloßes Varlar, sechs Kilometer von dem westfälischen Städtchen Coesfeld entfernt, sieben Generäle und ein Oberst der alten königlich-jugoslawischen Armee zum Essen. Peinlich genau nach der Rangfolge nehmen sie in Gesellschaft von drei Ehefrauen an einfach gedeckten Tischen Platz. Eine Serviererin reicht das Menü. Mit 1961er „Amselfeld“, dessen Etikett den unglücklichen. Verlauf der Schlacht gleichen Namens gegen die Türken im Jahre 1389 schildert, prostet sich die Tischgesellschaft zu.

Vor siebzehn Jahren reichte der Eßsaal des Schlosses für die gemeinsamen Mahlzeiten der Offiziersgruppe kaum aus. Damals fanden fünfzig jugoslawische Generäle, acht Obersten, ein Hauptmann und ein Oberleutnant nach langer Irrfahrt in Varlar endlich ein menschenwürdiges Quartier. Die acht Überlebenden im Alter von 70 bis 84 Jahren standen seitdem fünfundzwanzigmal an einem Grab auf dem kleinen jugoslawischen Friedhof Eversburg unweit von Osnabrück.

Die Odyssee der jugoslawischen Militärs begann im Zweiten Weltkrieg. Am 25. März 1941 zwang Hitler das Königreich Jugoslawien, dem „Dreimächtepakt“ beizutreten. Zwei Tage später trieb der Volkszorn die Regierung und den Prinzregenten Paul aus dem Lande. Der siebzehnjährige Peter II. bestieg den Thron. Hitler reagierte darauf sofort mit Krieg. Im April 1941 fielen deutsche, italienische, ungarische und bulgarische Truppen in Jugoslawien ein, dessen kleine Armee von fünfhunderttausend Mann rasch zusammenbrach und kapitulierte. Soldaten und Offiziere zogen in deutsche und italienische Kriegsgefangenschaft.

Das Gros der heute in Varlar lebenden Offiziere wurde in die Kriegsgefangenenlager Warburg, Nürnberg und Osnabrück transportiert. Dort forderte noch in den letzten Kriegstagen ein Angriff der Royal Air Force auf die Unterkünfte einhundert Todesopfer. Im April 1945 endete, nach vier Jahren, für die Offiziersgruppe mit dem Einmarsch der britischen Truppen die Kriegsgefangenschaft. Doch nun weigerten sich die Generäle und Obersten, in das Jugoslawien Titos zurückzukehren. Der 78jährige Generalmajor Cedomir Guzvic, zuletzt Lehrer an der Belgrader Militärakademie, steht – wie seine Kameraden – auch nach zwanzigjährigem Exil zu seinem damaligen Entschluß: „Aus Protest gegen das kommunistische System gehe ich nicht in die Heimat zurück.“ Sie alle fühlen sich noch heute an den Eid gebunden, den sie einstmals dem jungen König Peter II. geleistet haben.

In beschlagnahmten Wohnungen und DP-Lagern verbrachten die Offiziere die ersten Nachkriegsjahre; dann wurde ihnen im Juli 1948 Schloß Varlar als Asyl zugewiesen. Der in einem großen Park gelegene Barockbau, ursprünglich ein Kloster, ist seit der Mitte des 18. Jahrhunderts der Familienwohnsitz der Wild- und Rheingrafen zu Salm-Horstmar. Sechsunddreißig Zimmer im rechten, 1922 erbauten Schloßflügel hat der Fürst für monatlich tausend Mark an die „Betreuungstelle für heimatlose Ausländer und ausländische Flüchtlinge“ in Münster vermietet.

Die acht alten Herren und ihre nach dem Kriege zugezogenen Ehefrauen können über eigenes Personal verfügen. Sie haben eine Köchin, eine Serviererin, eine Putzfrau, eine Waschfrau und einen Heizer. Jeder der Offiziere bekommt ein monatliches Taschengeld von 85 Mark. Der 70jährige Oberst Branimir Zivkovic stellt zusammen mit der Köchin den Speiseplan auf, täglich stehen dafür pro Person 6,50 Mark zur Verfügung. Zweimal im Jahr können sie sich gegen Gutscheine der Betreuungsstelle Textilien laufen. Die Telephonrechnungen – darunter hin und wieder auch einmal ein Gespräch zu Verwandten nach Belgrad – werden wie die ärztliche Betreuung, ein gelegentlicher Kuraufenthalt oder eine Reise zur Regelung einer Erbschaftsangelegenheit nach Wien vom Ausländeramt Übernommen.