Von Walter Kiaulehn

Margret Boveri: Wir lügen alle. Walter Verlag, Ölten und Freiburg. 750 Seiten; kartoniert 28,–, Ln. 36,– DM.

Der Titel, „Wir lügen alle“, unter dem Margret Boveri ihre Geschichte des zweiten „Berliner Tageblatts“ erzählt, ist viel mehr kennzeichnend als provokant. Jeder, der über Ereignisse und Gegenstände aus den Jahren der Hitler-Diktatur, die er erlebt und gesehen hat, erzählen will oder muß, hat es schwer, die Wahrheit zu sagen. Sie verändert sich nicht nur durch die Entfernung, sondern vor allem durch das eigene Erlebnis. Jeder versucht, die Tatsachen so zu schildern, wie sie sich ihm heute und im Licht seiner Eigenliebe darbieten. Daß die Tiefenpsychologie diesen Umstand als eine positive, also lebenserhaltende Kraft ansieht, ändert nichts an dem Tatbestand, daß die Wahrheit fast nur subjektiv verzerrt erzählt werden kann.

Im Vorwort ihres Buches sagt Margret Boveri: Wir lügen, ohne Lügner zu sein! Das Buch ist nicht weniger als der erste Versuch einer Mischung aus Bericht und Dokumentation, die sowohl dem Leser von heute wie auch dem Historiker von morgen alles zuspielt, was er braucht, um die Wahrheit zu erkennen. Der Ursprung für diese neue Art, selbsterlebte Geschichte darzustellen, war der Selbstzweifel, der Margret Boveri vor etwa zehn Jahren überfiel, als ein junger Doktorand sie nach ihren Erinnerungen an die Wochenzeitung „Das Reich“ befragte. Sie gab ihrem Besucher den Rat, auch den ehemaligen Stabsleiter von Amann und den nationalsozialistischen Journalisten Schwarz van Berk aufzusuchen. Da erschrak der junge Mann: „Das sind doch Nazis. Die würden mich doch nur anlügen.“ Sie antwortete ihm: „Wir alle lügen Sie an, und es ist Ihre Sache, aus den verschiedenen Dingen, die Sie hören, die Wahrheit herauszufinden.“

Die Geschichte, die Margret Boveri hier zu erzählen hat, ließe sich auf etwa 200 Buchseiten bewältigen. Doch das Buch ist ein wahrer Ziegelstein von 744 Seiten. Die Dokumentation ist also mehr als doppelt so umfangreich wie die Erzählung. Sie ist überdies dem Buch nicht etwa als Anhang beigefügt, sondern fortlaufend unterbricht sie immer wieder den Lauf der Geschichte. In diese neue Technik übrigens hat man sich schnell eingelesen, denn es zeigt sich ja sehr bald, daß die zur Steuer der Wahrheit abgedruckten Zeitungsaufsätze, Protokolle aus dem Propagandaministerium und Briefe die großen und kleinen Lichter sind, die alles erhellen und durchleuchten.

Die zentrale Figur des großen Berichts, der Held der Autorin ist Paul Scheffer, der letzte liberale Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“. Er stammte noch aus den Zeiten von Theodor Wolff, der ihn während der Konferenz von Spa, 1920, zum erstenmal mit seinem Namen herausgestellt hatte. Wolff hätte Scheffer damals gern als Korrespondenten nach Paris oder London geschickt, doch weil ihn keines der beiden Länder aufnehmen wollte, unternahm Wolff das große Wagnis, Scheffer als Korrespondenten nach Moskau zu schicken, wo er dann neun Jahre blieb und der größte Rußlandkenner wurde.

Scheffer war damals ein hochgewachsener, schwerer Mann im langen Ledermantel. Er wirkte sehr selbstsicher und gut gelaunt und blickte über einer großen Zigarre mit leuchtend blauen Augen in die Welt. Später, als ihn die Boveri zu Gesicht bekam, nach 1933, war er schon ein Mann über Fünfzig. Aus dem Lacher von einst war inzwischen ein Spötter geworden, und das strahlende Blau seiner Augen war einem wasserhellen Ton gewichen. Doch die faszinierende Art seiner Männlichkeit wir geblieben, die herrenhafte, sorglos überlegene Haltung, seine Höflichkeit, seine Frauenverehrung und seine Fähigkeit zur Güte. Scheffer war ein großer Frauenverehrer, und so ist es kein Zufall, daß seinen ersten Denkstein eine Frau errichtet.