Als ich nach Bonn kam – es war im September 1962, zufällig zur gleichen Zeit wie General de Gaulle – kannte ich Deutschland schon etwas. Denn zwischen 1953 und 1956 war ich Korrespondent für meine Zeitung – Le Monde – in Berlin gewesen, verantwortlich für die Berichterstattung über Berlin und die Ostzone. Ich hatte also Vergleichsmöglichkeiten.

Auch hatte ich alles in mich aufgenommen, was ein sogenannter Deutschland-Spezialist über Bonn zu hören oder zu lesen bekommt! Ich kannte das Schlagwort: Bonn – Bundesdorf. Ich war, wenn man so will, aufs Schlimmste gefaßt und dachte, in Bonn würde es möglich sein, viel zu lesen und zu schlafen. Mein Vorgänger hatte mir die Sache auch ungefähr so dargestellt.

Zu meiner größten Überraschung akklimatisierte ich mich schnell, wenn diese Akklimatisierung freilich auch in gewissen Grenzen blieb. Ich habe Glück. Ich kann in Bad Godesberg wohnen und im Bundeshausviertel arbeiten, ohne daß ich mit der Stadt Bonn viel zu tun hätte.

Doch wirkt die Anziehungskraft der großen Städte viel zu stark auf mich, als daß ich die ganze Zeit in Bad Godesberg leben könnte. In der Tat bin ich auch recht selten dort, sondern meist irgendwo zwischen Köln, Stuttgart, München, Hamburg, Berlin. Zu meiner Tätigkeit als Deutschland-Korrespondent für Le Monde fügt es sich, daß ich als Vortragsredner und Diskussionsteilnehmer tätig bin, und dies gibt mir allerlei Möglichkeiten, vor sehr verschiedenen Gremien zu sprechen, mögen sie aus Schülern oder Soldaten, aus Studenten oder Mitgliedern der Europa-Union, aus Sozialdemokraten oder CDU-Leuten bestehen. Und schließlich ist Köln da, dessen TEE Cologne-Paris immer eine Garantie für eine Ausflucht bietet.

Sicher ist, daß viele, die weggegangen sind, wiederkommen. Und was noch erstaunlicher ist: manche träumen, nachdem sie weggegangen sind, von einer Rückkehr. Tatsache ist auch, daß viele ungern weggehen und alle möglichen Gelegenheiten ausnutzen, um Bonn wieder zu besuchen.

Gibt es eine „Sortilège“ von Bonn? Gibt, es Zauberei hinter diesen grauen bürgerlichen Fassaden? Weht hier eine Luft, die man nicht mehr vergessen kann, wenn man sie einmal gewittert hat? Fast könnte man es glauben. Aber die Erklärung ist vielleicht einfacher: Man erlebt in Bonn etwas von der Außenwelt, ohne die Nachteile allzu großer Nähe in Kauf nehmen zu müssen.

Der kleine Kreis der Journalisten, der Diplomaten und der Beamten dreht sich auf kleinstem Raum. Man lernt sich allmählich kennen. Man gewöhnt sich an die Gesichter, an die Uniformen. Alles wird immer familiärer wie in einer Provinzstadt. Und doch weht auch hier die Luft der Weltpolitik.

In den Hügeln von Bad Godesberg spielen die französischen Kinder auf ihrem Weg in die französische Schule wie daheim in einer kleinen Stadt in Frankreich. Bald wird ihre Schule ein französisches Gymnasium sein. Die internationalen Gruppen sind ziemlich fest gefügt und geben sich nicht sonderlich viel Mühe, Brücken zueinander zu schlagen. Die Franzosen bleiben Franzosen. Es gibt Französinnen in Bonn, die schon seit Jahren hier leben, ohne viel von der deutschen Sprache gelernt zu haben. Es gibt auch die angelsächsische Gruppe. Nicht erst General de Gaulle hat diese Gruppen getrennt, er hat nur die Unterschiede etwas vertieft. Innerhalb der angelsächsischen Gruppe fällt der etwas überheblich wirkende englische „clan“ auf: wie eine Insel aufgetaucht aus dem amerikanischen Meer. Und dann gibt es schließlich auch noch die Deutschen.

Was hatte ich mir nicht alles versprochen, ehe ich nach Bonn kam! Deutsche Freunde hatte ich mir schon viele in Berlin, in Paris, Düsseldorf und Hamburg gemacht. Für einen Franzosen, der mit der Literatur der deutsch-französischen Freund-Feindschaft von Giraudoux bis Vercors vollgestopft worden ist, mußte es eine große Erwartung sein. Leider wurde ich darin enttäuscht. Ob mit oder ohne deutsch-französischen Vertrag, ob mit oder ohne Jugendwerk – in jedem Falle wurde es schwer für mich, zu persönlichen und privaten Beziehungen mit Deutschen zu kommen. Beruflich war alles schön und gut; man kennt die Kollegen von den unzähligen Pressekonferenzen, man tauscht ein paar Gedanken oder Witze aus, aber dann ...

Dann wird es halt schwierig. Schon eine Einladung zu bekommen, ist nicht so einfach. Ein deutscher Kollege in Paris tröstete mich einmal: „Du darfst dich nicht wundern... Die Deutschen fürchten oft, sie könnten die Franzosen nicht so empfangen wie man in Frankreich Gäste empfängt. Sie scheuen sich also.“ Nun, der gute Ruf der französischen Gastlichkeit sollte die Deutschen nicht hemmen.

Kann man aus dieser Scheu Schlüsse ziehen? Sagt sie etwas aus über die Haltung der Deutschen zu den Franzosen oder zu den Angehörigen anderer Nationen? Solche Verallgemeinerung wäre fehl am Platz: Die politischen Tiere des Bonner Zoo gehören sehr komplizierten Arten an.

Für mich freilich ist viel interessanter und spannender der Umgang mit den einfachen Bundesbürgern außerhalb Bonns. Hier aber bin ich immer wieder zu derselben Feststellung gekommen: Es gibt zwei deutsche Völker. Das erste Volk hat Bürger, die vierzig Jahre und mehr alt sind, das andere besteht aus den jüngeren Leuten. Das erste „Volk“ hat unter dem Nazismus gelebt, den Krieg mitgemacht oder eben noch erlebt und ist von allen diesen Erlebnissen gebrandmarkt. Schon physisch unterscheiden sich die Menschen so sehr, daß man schon optisch den Eindruck hat, man habe es mit zwei verschiedenen Völkern zu tun. Sie reagieren auch, sobald sie vor wichtige Fragen gestellt werden, ganz verschiedenartig.

Die ältere Generation denkt an Prosperität und Sicherheit, die jüngere an die Wiedervereinigung. Die Älteren sind mißtrauisch, die Jüngeren erwarten trotz aller scheinbaren Skepsis eine bessere Zukunft. Es bleibt zu hoffen, daß die jungen Deutschen ihre Zukunft bekommen werden, bevor sie alt sein werden.