Es sind jetzt 41 Jahre her, daß die Berliner „BZ am Mittag“ die „Sonnenschlacht von Colombes“ veröffentlichte, jenes klassische Sportfeuilleton über Nurmis Sieg im 10 000-Meter-Querfeldeinlaufen auf den Olympischen Spielen von Paris. Damit begann die internationale Karriere von Dr. Willy Meisl, der am zweiten Weibnachtsfeiertag seinen siebzigsten Geburtstag begehen wird. Er wird gelegentlich als „Vater des modernen Sportjournalismus“ bezeichnet, weil er der erste war, der seine Sportberichte in wohlgedrechselte Sätze kleidete, die auch im „Romanischen Café“ in Berlin, dem Treffpunkt der literarischen Welt, eifrig gelesen wurden. Für diesen Auftrag des Hauses Ullstein erhielt Dr. Meisl 100 Mark angewiesen, damals ein fürstliches Honorar für einen Beitrag über ein Thema, das nicht ganz ernst genommen wurde. Bei seiner Rückkehr nach Berlin fand Meisl ein Schreiben vor, in dem sich der Ullstein-Verlag für das geringe Honorar entschuldigte und um sein Einverständnis bat, ihm den doppelten Betrag anweisen zu dürfen... „Damals habe ich mir geschworen, daß mir so etwas nicht wieder passieren darf!“ meinte Meisl.

Dr. Meisls umfassende Kenntnisse vom Sport und seinem soziologischen Bezug zur Gegenwart entstammen der eigenen Erfahrung als erfolgreicher aktiver Sportsmann in Wien, wo er auch zum Dr. iur. promoviert hat. Er machte den Ersten Weltkrieg als Oberleutnant in der österreichischen Armee mit und verdiente sich seine jouralistischen Sporen an Wiener Zeitungen und beim alten „Kicker“. Nachdem er lange Jahre als führender Sportredakteur in Berlin tätig gewesen war, berief ihn Ullstein zum Sportchefredakteur der vielen Zeitungen und Zeitschriften in diesem weitverzweigten Haus. Erst als die „Vossische Zeitung“ auf NSDAP-Befehl eingestellt werden mußte, verließ Meisl Deutschland und begab sich über Norwegen nach England.

Bevor er Berlin verließ, zeigte er den neuen Machthabern, welchen hohen Grad von Selbstachtung und Mut er besaß. Am Ostersonntag 1933 ließ er in der „Vossischen Zeitung“ einen Artikel „Von Danny Mendoza bis Carr“ erscheinen, der die bedeutenden Leistungen der Juden im Sport aller Länder beschrieb. Diese Ausgabe wurde derart ausverkauft, daß selbst im Ullstein-Haus kein Exemplar mehr aufzutreiben war. Dr. Meisl wurde zur Zielscheibe wüster Angriffe von Parteiseite, das Ullstein-Haus bebte in seinenGrundfesten, dem Verfasser jedoch wurde dort von niemandem ein Wort der Mißbilligung ausgesprochen.

In England hatte es Meisl zunächst gar nicht leicht. Seine Tätigkeit als Auslandsredakteur und Mitbegründer von „World Sports“ und Korrespondent einer Reihe führender Sportzeitungen aus aller Welt sorgte jedoch dafür, daß ihn nach dem Kriege, den er diesmal als Offizier in der britischen Armee mitmachte, das Fernsehen als den „führenden Sportjournalisten der Welt“ vorstellte.

Unter seinen gedruckten Schriften ragt der „Sport am Scheideweg“ hervor, 1928 erschienen, der mit wahrhaft seherischem Blick die moderne Entwicklung des Sports voraussagte. Dr. Meisl lebt heute in Lugano im Ruhestand. Man kann wohl dem Geburtstagskind keine besseren Glückwünsche darbringen, als ihm zu versichern, daß die Tatsache, daß er das Sportfeuilleton zu höchster Höhe entwickelt hat, unvergeßlich geblieben ist. Alex Natan